FreeKaliningrad über das 20-jährige Jubiläum

Eine der ältesten gemeinnützigen Organisationen des Kaliningrader Gebiets feierte seinen runden Geburtstag

FreeKaliningrad 30.03.2015
www.freekaliningrad.ru/round-date-noted-one-of-the-oldest-public-institutions-in-the-region-_articles/

Feier zum 20-jährigen Jubiläum

Am vergangenen Sonntag feierte eine der ältesten wohltätigen Organisationen des Kaliningrader Gebiets – der „Sojus Anthropos Kaliningrad“, Schwesterverein des deutschen „Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt“ – sein 20-jähriges Jubiläum.
Der Verein machte sich in schwierigen Zeiten an die Arbeit und richtete seine Hilfe auf diejenigen, die sie wohl am dringendsten brauchten – auf Zöglinge von Kinderheimen und Internaten.

Das erste Kinderheim war das „Raduga“ (dt.: ‚Regenbogen‘) in der Siedlung Bolschoje Issakowo, danach kamen das Kinderheim Nr. 1 und das Internat Nr. 3 dazu. Für die Kinder dort wurden Feste und heimatkundliche Exkursionen durch das Gebiet und manchmal auch Reisen ins Ausland veranstaltet sowie Kleidung und Spielzeug gebracht. Letztendlich waren es auch junge Freiwillige, die die Kinder besuchten, um sich mit ihnen zu unterhalten, denn die menschliche Zuwendung war für die Kleinen nicht minder wichtig als Süßigkeiten und Puppen.

Da sich die Situation um die Erziehung der Kinder, die ohne elterliche Fürsorge aufwachsen mußten, im Laufe der Zeit positiv verändert hat, entwickelte der Verein „Sojus Anthropos Kaliningrad“ weitere Tätigkeitsfelder:
Kinderfeste und Sportwettbewerbe in den entlegenen Ecken des Kaliningrader Gebiets (wo Kinder viel weniger Möglichkeiten und Chancen haben als in den Städten), Sammelaktionen für die schulische Ausstattung von Erstklässlern aus finanziell schwachen Familien sowie Unterstützung begabter Kindern, junger Ökologen und Forscher – mithilfe eines eigenen Natur- und Umweltschutzzentrums in Gromowo.

Die Festveranstaltung, bei der die Organisatoren versuchten, sich an all das zu erinnern, wofür sich der Verein in diesen 20 Jahren eingesetzt hat, fand im Deutsch-Russischen Haus statt. Und was ist ein Geburtstag ohne Überraschungen und Geschenke? Zum wohl wertvollsten Geschenk, das viele Gäste zu Tränen rührte, wurde der Auftritt ehemaliger Bewohner der betreuten Kinderheime und Internate.
Jeder von ihnen fand seinen Lebensweg, erlernte einen Beruf und/oder gründete eine Familie. Viele kamen mit ihren Kindern.
„Einige Kinder aus Kinderheimen, wenn sie erwachsen werden, neigen dazu, diese Zeit aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Für mich ist sie aber ein Teil meiner Seele. Ich bin unseren Erziehern für ihre Fürsorge und Wärme sehr dankbar, denn wir waren keine einfachen Kinder. Dankbar bin ich ihnen auch für das Wissen, das sie uns vermittelt haben. Und ich werde nie jene Gefühle der Freude vergessen, mit denen wir das Auto mit Geschenken vom Anthropos e.V. aus Deutschland begrüßt haben. Für immer bleibt in meinem Herzen auch die Fahrt nach Magdeburg, die der Verein für uns organisiert hat “ sagte Nina Schabalina, die im Kinderheim in Bolschoje Issakowo aufwuchs, in ihrer Glückwunschrede.

„Wir messen Hilfe für Kinder nicht nach Jahren oder nach der Anzahl von Projekten und nicht nach finanziellen Mitteln für deren Umsetzung. Am wichtigsten für uns ist, daß die Kinder um uns herum ihren Lebensweg finden, frei von Ängsten und Vorurteilen sind, ihre Fähigkeiten entfalten und ihre Träume verwirklichen können“ – erklärte die Präsidentin des Vereins „Sojus Anthropos Kaliningrad“ Swetlana Dovzhenko.

Ehrengast der Festveranstaltung war der Präsident des deutschen „Anthropos e. V. – Für die Kinder dieser Welt“ Hans-Wolff Graf, Psychologe, Pädagoge, Finanzberater, Herausgeber der Online-Zeitung „zeitreport“, in der die EU-Politik offen kritisiert wird, sowie engagierter Teilnehmervon Friedens-Demonstrationen zur Unterstützung Rußlands, die in den letzten Monaten im Herzen Bayerns, in München, stattfanden.

„Frieden heißt nicht, daß Konflikte völlig fehlen: Konflikte existierten immer und werden immer existieren – zwischen einzelnen Menschen, Staaten und Nationen. Konflikte können aber nicht mit Gewalt gelöst werde n. Gewalt ist immer ein Zeichen von Dummheit, Arroganz oder Bequemlichkeit (um nicht nach anderen Lösungen suchen zu müssen). Frieden und Friedensfähigkeit setzen persönliches Engagement und Mut voraus, gegen eine andere Meinung aufzutreten, auch wenn es um die Meinung der Mehrheit geht. Auf Frieden zu warten ist kindisch naiv; denn Frieden ist kein Wetter, das kommt und geht. Frieden ist ein ‚Produkt‘ des menschlichen DenkFühlHandelns“, betonte H.-W. Graf.

Er berichtete auch über seinen Traum: „Wir haben eine Internetseite mit einer Friedenserklärung erstellt, die in viele Sprachen übersetzt wurde und auf der Unterschriften gesammelt werden. Ich bin überzeugt: Wenn Millionen von Menschen aus zweihundert Ländern in hunderten von Sprachen und Dialekten unsere Idee unterstützen, wird sie eine so mächtige Bewegung, daß auch Politiker die Augen nicht mehr davor verschließen können!“

Zum Abschluß des Festes ergriff die junge Generation das Wort: Einige Musikgruppen und Sänger aus den Kaliningrader Musikschulen sangen und spielten in der „Sprache“ der Kunst, die genau wie die Sprache des Friedens keine Grenzen kennt.
Ksenija Krajewska
Übersetzung: Marina Nazarova

Frieden – Rede zum 20-jährigen Jubiläum

Rede von Hans-Wolff Graf anläßlich des 20-jährigen Jubiläums unseres russischen Schwestervereins „Sojus Anthropos Kaliningrad

Rede von Hans-Wolff Graf anläßlich des 20-jährigen Jubiläums unseres russischen Schwestervereins „Sojus Anthropos Kaliningrad“

Meine Rede ist einem Thema gewidmet, das jeden von uns betrifft – unabhängig von Alter, Nationalität und Rasse. In Wirklichkeit gibt es in der Welt keine Rassen. Wir sind alle Menschen. Es handelt sich um das Zauberwort „Frieden“. In der russischen Sprache ist das Wort für „Frieden“ dasselbe wie „Erde“ bzw. „Welt“.

Über Frieden wird überall gesprochen, doch die Realität sieht ganz anders aus: Kriege und bilaterale Auseinandersetzungen existieren heutzutage in über 70 Ländern. Religiöse Kriege, säkulare Kriege, bei denen Menschen sterben und vor denen sie fliehen. Alleine im letzten Jahr starben wegen der Kriege weltweit etwa 3.500.000 Menschen. 24 000 Kinder sterben jeden Tag an Unterernährung und den Folgen von Kriegen und Konflikten.

Und über dieses Zauberwort „Frieden“ möchte ich heute sprechen. Der berühmte Stratege Clausewitz sagte vor etwa 200 Jahren: „Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge“. Demokrit sagte vor 2.500 Jahren Ähnliches: „Der Aufrichtige braucht keine Lüge. Kriege werden von Lügnern geführt“. Für viele Menschen ist das Wort „Frieden“ etwas Abstraktes – wie der Weihnachtsmann, der Osterhase oder der Klapperstorch. Oft machen wir uns gar keine Gedanken über diesen Begriff und interessieren uns nicht dafür, wer mit wem warum einen Krieg führt, denn den meisten Menschen fehlen das Interesse und die Neugier, um über die Zusammenhänge nachzudenken, die zu solchen Situationen führen. Wir lassen uns von Ideologien regieren. Jede Ideologie ist aber ein gefährliches Gift, denn alle Ideologien – ob religiös oder säkular – sind immer intolerant. Sie sind gegen Frieden und eifersüchtig. Deshalb ist es so leicht, uns zu steuern. Menschen, die unter der Wirkung einer Ideologie stehen, ziehen schnell in den Krieg, und das wird von denjenigen provoziert, die gar kein Interesse an Frieden haben, weil sie am Krieg verdienen. Frieden ist mit keiner Ideologie zu erreichen, er kann nur mithilfe der Philosophie errichtet werden. Philosophie ist jene Grundlage, dank derer sich in uns Neugier und Interesse an den Anderen entwickeln kann. Erst dann fangen wir an, Fragen zu stellen und uns für Motive und Ursachen zu interessieren. Neugier und Interesse führen dazu, daß wir Wissen aus unterschiedlichen Bereichen sammeln, das dann unsere Bildung ausmacht, und Bildung kann viele Jahre später zur Weisheit werden. Das ist die Grundlage für Frieden, für das Leben in Frieden.

Frieden heißt nicht Konfliktlosigkeit. Konflikte existierten immer und werden auch immer existieren – zwischen einzelnen Menschen, Staaten, Nationen. Konflikte werden aber niemals mit Gewalt gelöst – ob es dabei um unsere Kinder, Nachbarn oder Nationen geht. Gewalt ist immer ein Zeichen von Dummheit, Bequemlichkeit (um nicht nach anderen Lösungen suchen zu müssen) oder Arroganz. Deshalb ist Frieden nichts für feige Menschen. Sich für Frieden einzusetzen, erfordert Mut. Frieden und Friedensfähigkeit setzen persönliches Engagement, Teilnahme und Mut voraus, gegen eine andere Meinung aufzutreten, eigene Meinungen offen zu äußern, auch wenn vor ihnen eine Menschenmasse mit einer Gegenmeinung steht. Gewöhnlich ist es schwierig, den eigenen Standpunkt in solchen Situationen zu vertreten – dafür braucht man Mut. Frieden setzt Toleranz voraus – die Meinung des Anderen anzunehmen, ohne ihm die eigene Meinung aufzuzwingen. ‚Alles außer einem Schatten hat zwei Seiten‘, warum gestatte ich dann dem Anderen nicht, die Sache von einer anderen Seite zu betrachten, statt ihm die eigene Meinung aufzuzwingen? Stellen Sie sich vor, wir wären alle gleicher Meinung. Wir hätten dann den gleichen Beruf, gleiche Ansichten, die gleiche Liebe. Das wäre grausam. Auf Frieden zu warten und zu hoffen, ist kindisch naiv, denn Frieden ist kein Wetter, Frieden ist das Produkt menschlichen DenkFühlHandelns.

Es ist sinnlos, Politikern die Funktion zu überlassen, Frieden für uns zu schaffen. Politiker haben viel weniger Chancen, für Frieden zu sorgen als jeder von uns, denn sie sind im System gefangen, in dem sie erfolgreich geworden sind. Frieden ist nach meiner festen Überzeugung die unabdingbare Grundlage für Freundschaft jeder Tiefe. Und Freundschaft ist die Grundlage für Liebe, die wir uns alle so sehr wünschen. Warum tun wir aber dann so wenig dafür?

Ich wünsche uns allen Frieden – unabhängig davon, wo sich jeder von uns befindet. Das ist aber etwas, wofür wir uns selbst aktiv einsetzen sollten. Und darum bitte ich Sie von ganzem Herzen.

Herzlichen Dank!

H.-W. Graf

Der russische Mythos

Der russische Mythos

Frankfurter Rundschau
23. März 2015
Von INNA HARTWICH

Zwischen Leid und Hoffnung: Weil den Russen für das Unfassbare ihrer Geschichte und Kultur die Worte fehlen, flüchten sie sich in ein Konstrukt. Eine kleine Erkundung der rätselhaften „russischen Seele“.

Europa fängt an einer Straßenlaterne an, in Blau-Weiß. Asien hört hier auf, in einem länglichen Schild, halbherzig an den Betonpfosten montiert, blau-gelb die Farben. Vielleicht beginnt Asien hier aber auch erst, und Europa geht an dieser Flussbrücke zu Ende. Vielleicht ist Asien rechts und Europa links, vielleicht ist Europa im Osten und Asien im Westen. In Orsk, dieser Industriestadt 1700 Kilometer von Moskau weg und fast schon an der kasachischen Grenze, kommt es immer auf den Standpunkt des Betrachters an.

Orsk ist wie Istanbul, wo Asien und Europa aufeinandertreffen. Doch an den Bospurus ist hier schon lange keiner mehr gereist. In Orsk haben sie den Ural, die Trennungs- und Verbindungslinie zugleich. Eine klapprige Trambahn ruckelt über die Brücke in die Altstadt, hier in Asien fing die Stadtgeschichte einst an. Das europäische Orsk entstand erst später, mit Plattenbauten und Hüttenwerken. Ein perfekter Ausgangspunkt, sich auf die Suche nach einem Mythos zu machen. Nach einem Klischee, das Ost und West zugleich gern gebrauchen, um das, was nicht zu erklären ist, doch noch in Worte zu fassen. Was hat es nur auf sich mit Russlands viel besungenem wie nebulösem Gemüt?

„Die russische Seele?“ Iwan lacht laut und blickt belustigt durch den Raum. „Russland ist sehr beseelt und seelenlos zugleich, das ist das Dilemma“, sagt er in seiner Küche, auf dem Tisch vor sich einen Trockenfisch und ein Gläschen Wodka. Iwan heißt nicht Iwan, aber in einer ausländischen Zeitung mit seinem richtigen Namen zu erscheinen, kann in diesen Tagen gefährlich werden, zumal wenn jemand, wie er, für den Staat arbeitet, wenn jemand so in die Sicherheitskreise eingebunden ist, dass er – als vermeintlicher „Geheimnisträger“ – gar nicht mehr ins Ausland reisen darf, Russlands Regierung hat es verboten. Das ärgert Iwan, aber „im Grunde“, sagt er, „ist es dennoch richtig, dass wir es euch“, er meint Europa und vor allem die USA, „einmal zeigen, mal auf die Pauke hauen. Dass wir euch klarmachen, dass wir stark sind.“ Der Provinzpolizist wirkt aufgebracht und ernüchtert zugleich. „Selbst, wenn wir nichts zu zeigen haben und voller Schwäche darniederliegen, wirtschaftlich, moralisch, wohl auch politisch. Das ist das Selbstmörderische an uns Russen. Vielleicht ist das auch die russische Seele: sich selbst zu belügen.“ In Iwans warme Küche kehrt Schwermut ein…

Lesen Sie weiter unter:
www.fr-online.de/panorama/russland-der-russische-mythos,1472782,30197796.html

Unsere internationalen Gesprächsrunden

Internationale Gesprächsrunde

Anläßlich der zugespitzten Weltlage, zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen sowie der Kriegspropaganda und des Streuens von neuen/alten Feindbildern von Seiten der Medien und Politiker hat Hans-Wolff Graf im Dezember 2014 die

INTERNATIONALE FRIEDENSERKLÄRUNG

ins Leben gerufen. Dank Maria, René und vieler engagierter Übersetzer konnte diese noch vor Weihnachten 2014 online gehen.
Um diese ‚Initiative zum Frieden‘ aktiv zu begleiten und von meinem langjährigen Wunsch genährt, das ‚von- und miteinander-Lernen‘ in die Tat umzusetzen sowie auf Anregung von Inna und Marina entstand die Idee, diese

INTERNATIONALE GESPRÄCHSRUNDEN

zu organisieren.
Einen weiteren Impuls erhielt ich durch meine Arbeit an der Studie ‚UNSERE WELT‘ (eine Untersuchung der sozial- und wirtschaftspolitischen Verhältnisse und Entwicklungen in 180 Ländern), die Hans-Wolff Graf bereits 1992 und 1993 veröffentlichte, in der er zahlreiche Miseren, die wir heute gewärtigen, vorhersah und mannigfaltige Denkimpulse setzte, die nun auch eine äußerst wertvolle Grundlage für unsere Gesprächsrunden bilden.

Frieden beginnt bei uns selbst.“ Diese Worte sind zwar in vieler Munde, doch wie erreichen wir diesen INNEREN FRIEDEN?

In seinem Buch „Etwas mehr Hirn, bitte“ beschreibt Prof. Gerald Hüther das, was für mich die Gesprächsrunden sind: Das gemeinsame Wiederentdecken und Weiterentwickeln der Freude am eigenen DenkFühlen und die Lust am gemeinsamen Handeln sowie einen Beitrag für die Entstehung einer neuen Begegnungs- und Beziehungskultur zu leisten.

In diesen Gesprächsrunden greifen wir Themen auf, zu denen wir meist nur vorgefertigte Meinungen vertreten, über die wir jedoch selten tiefer nachgedacht haben. So geben wir uns einmal im Monat für eineinhalb Tage Raum und Zeit, gemeinsam
– mehrere Hirne denkfühlhandeln erfolgreicher! – über diese aktiv nachzudenken.

Die Denkimpulse, die wir dabei erhalten und anderen geben, und die uns zu weiterem DenkFühlen anregen, sind ein wichtiger Beitrag für den INNEREN FRIEDEN.

Die ersten sechs Themen, die jeweils aus den Gesprächsrunden entstanden sind, waren:

Konflikte – wie entstehen sie und wie gehen wir damit um? (2/2015)

Wir haben uns sowohl mit den Konflikten in der Welt (Kriege, Terror, Länder, Kulturen, Religionen, etc.) als auch mit den Konflikten in unseren Beziehungen (Freunde, Mitarbeiter, Partner, etc.) auseinandergesetzt. Wir lernten die Methode des „Systemischen Konsensierens“ kennen, die nicht nach dem üblichen Mehrheitsprinzip mit Gewinnern und Verlierern vorgeht, sondern Widerstände der Beteiligten mißt, um so den größtmöglichen Konsens zu finden.

Gewalt – wer greift wann und warum zu Gewalt? (3/2015)

Wir sind den Fragen nachgegangen: „Welche Ursachen und Motive stehen hinter Gewaltanwendung und kriegerischer Unmenschlichkeit?“, „Welche Formen der Gewalt – auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene – kennen wir, und wie können wir besser damit umgehen?

Wir haben die eingesetzten Mittel bei Gewaltanwendungen anhand des ‚Lebensdreiecks von Körper, Geist und Seele‘ auf individueller und gesellschaftlicher Ebene betrachtet, die Motive und Ursachen für Gewalt in den Schmerz-, Verlust– und Versagensängsten erforscht und uns mit dem ‚Dramadreieck‘ beschäftigt.

Grenzen – in unseren Köpfen, der Gesetzgebung und auf Landkarten?  (4/2015)

Hierbei haben wir uns sowohl mit den Grenzen, die wir uns selber setzen (oder setzen lassen), als auch mit den Auswirkungen politisch aufgezwungener Grenzen – Gesetzgebung und territorialer Grenzziehung, ohne die jeweilige Bevölkerung zu berücksichtigen, geschweige denn zu fragen – auseinandergesetzt.

Wir sind den Fragen nachgegangen: „Wem erlauben wir, unser eigenes DenkFühlHandeln zu begrenzen und warum?“, „Können wir Gewalt und Konflikte vermeiden, wenn wir unsere eigenen Grenzen kennen und bewußt setzen?“, „Respektieren wir selbstbestimmte und natürliche Grenzen? Oder richten wir unser Leben nach aufgezwungenen und strafbewehrten Grenzen?“, „Hinterfragen wir vorgegebene Grenzen oder verstecken wir uns hinter Toleranz und Ignoranz, Bequemlichkeit und Feigheit?“, „Wann wird Toleranz zu Ignoranz?

Geld, Vermögen und Finanzwesen (5/2015)

sind Themen, die oftmals zu Konflikten und Gewaltausübung führen und uns immer wieder Grenzen aufzeigen. Da wir während der vorhergehenden Gesprächsrunden des öfteren auf diese Themen gestoßen sind, setzten wir uns mit folgenden Fragen auseinander: „Was ist Geld?“, „Wie gehe ich mit Geld um?“, „Wer bestimmt über mein geistiges, seelisches und monetäres Vermögen?“, „Was hat das Bank- und Finanzwesen mit meinem persönlichen Leben zu tun, und welche Rolle spielt es in der sog. Entwicklungshilfe und Flüchtlingspolitik?“, „Wo sind die Grenzen von arm und reich?“, „Was ist und wer bestimmt Armut und Reichtum?“

Vorurteile und Bilder im Kopf.  (6/2015)

Wer kennt das nicht? Da ist eine bestimmte Vorstellung im Kopf, wie etwas ist oder sein wird oder sein sollte, und plötzlich kommt alles anders bzw. wir werden mit einem komplett neuen Bild konfrontiert. Vorurteile existieren als festgefahrene Bilder in uns; wir verteidigen sie, halten an ihnen fest und schlagen alles in die Flucht, was diesen nicht entspricht oder ziehen uns in unser „Schneckenhaus“ zurück. Dadurch geraten wir immer wieder in die gleichen Situationen – ob persönlich oder in (politischen) Gemeinschaften. In dieser Gesprächsrunde haben wir uns damit beschäftigt, wie diese „Bilder“ entstehen und wie wir sie auflösen können. Wir haben individuelle und kollektive Projektionen und Etikettierungen angeschaut sowie den Umgang mit neuen Nachrichten und veränderten Situationen geübt.

Zeit – ein wertvolles Gut! (7/2015)

Jeder der 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten hat 24 Stunden am Tag zur Verfügung, die er ca. 80 Jahre mit Leben füllen darf. Doch wie kommt es, daß manche Menschen viel und andere wenig davon zu haben scheinen? Auf unterschiedliche Weise gestalten wir unsere Zeit – allein oder mit unseren Mitmenschen. Wir schenken Zeit und nehmen sie uns (oder anderen), wir strukturieren und planen sie, wir nennen sie Arbeits-, Ruhe- und Freizeit.

Was aber ist Zeit? Mit dieser und den Fragen „Wie erleben wir Zeit?“, „Wie gehen wir mit ihr um?“, „Wo verstecken sich die größten Zeitdiebe?“ und „Wie können wir sie sinn- und friedvoll nutzen und gestalten?“ setzten wir uns im Juli auseinander.

Unsere 7. bis 14. INTERNATIONALE GESPRÄCHSRUNDE

„Mithin ist die edle Wechselrede Tochter des Nachdenkens, Mutter des Wissens, Labsal der Seele, Austausch der Herzen, Band der Freundschaft, Nahrung der Zufriedenheit und Betätigung echter Personen.“

Baltasar Gracián (1601-1658), aus ‚Das Kritikon‘

Getragen von den Worten Graciáns haben wir uns von September 2015 bis Juni 2016 mit folgenden Themen und Fragen – die jeweils von den Teilnehmern der Gesprächsrunden gewählt werden – intensiv auseinandergesetzt:

Ideen – Ideale – Idole – Ideologien (9/2015)

Ab welchem Zeitpunkt werden aus Ideen und den eigenen Idealen Ideologien – festverankerte Traditionen, Riten, Überzeugungen und Glaubenssätze, systemische Gesellschaftsordnungen und „unumstößliche“ Menschenbilder?

Wie können wir freud- und sinnvoll mit unseren Ideen umgehen und wie bewußt verfolgen wir unsere Ziele mithilfe eigener Ideale?

Von ‚Flüchtling‘ bis ‚Völkerwanderung‘ (10/2015)

Themen, die äußerst diffus, konträr und verwirrend diskutiert werden und uns plötzlich (?!) alle betreffen. Wir versuchten, uns einen geordneten Überblick zu verschaffen und den Ursachen und Motiven auf den Grund zu gehen. Was veranlaßt Menschen, ihre Heimat zu verlassen und z.T. sogar ihre Familien im Stich zu lassen? Wie können wir mit der neuen Situation umgehen und wo ist Hilfe angebracht?

Sozialismus und Kapitalismus – wirklich Gegensätze? (12/2015)

Von Politikern und in den Medien werden uns diese Begriffe zumeist – und das schon seit 100 Jahren – als „zwei gegeneinander kämpfende Lager“ präsentiert, in die sich der Bürger dann einsortieren soll/kann. Hinzu kommt die Einsortierung in „Links und Rechts“, was mit o.g. ‚ismen‘ jedoch wenig bis gar nichts zu tun hat.

Hierbei haben wir uns sowohl mit den Begrifflichkeiten sozial und Sozialismus, Kapital und Kapitalismus (die durch den ‚ismus‘ eine ganz andere Bedeutung erhalten und keinesfalls Gegensätze darstellen) als auch mit den dahinterstehenden Ideologien beschäftigt.

Pädagogik – (auch) ein völlig verkannter Begriff?! (1/2016)

Wenn Pädagoge aus dem Ionischen (paed agoin) Wegbegleiter/Spielgefährte und Schule aus dem Griechischen (schole) Muße, Ruhe, Innehalten, Spielplatz bedeutet, dann hat das mit den gegenwärtigen Bildungsvorstellungen so gar nichts zu tun und ist keinesfalls auf Krippe, Kindergarten, Schule, Ausbildung und Universität begrenzt.

Wir hatten eine lebhafte und intensive Auseinandersetzung: „Was aber ist denn nun Pädagogik und Bildung?“, „Wie können wir mit unserer pädagogischen Verantwortung trotz der Zwänge des Systems (verkrustete Lehrpläne/Political Correctness) umgehen?“, „Wie können wir als Vorbild dazu beitragen, daß Menschen – egal welchen Alters – sich für die Welt (lat. universitas = Gesamtheit der Dinge) interessieren und diese erforschen?

Münchener Sicherheitskonferenz und Demonstration für Frieden (2/2016)

Am Freitagabend haben wir uns theoretisch mit der ‚Münchener Sicherheitskonferenz‘ auseinandergesetzt und sind den Fragen nachgegangen: „Wer trifft sich dort und warum?“, „Worüber wird dort beraten“ und „Was hat das Ganze mit Sicherheit bzw. Frieden zu tun?

Am Samstag dann – mit neuem Wissen ausgestattet – waren wir in der Münchener Innenstatt, um mit der INTERNATIONALEN FRIEDENSERKLÄRUNG für Frieden zu demonstrieren.

Korruption – ein wirklich universelles Phänomen (3/2016)

Dieses Thema begleitete uns in allen vorangegangenen Gesprächsrunden, woraus der Wunsch entstand, sich einmal intensiv damit auseinanderzusetzen.

Nicht nur, daß der Begriff völlig einseitig, meist auf Bestechung und Bestechlichkeit reduziert verwendet wird, sondern sich Korruption auch durch unsere Empfindungs- und Gedankenwelt sowie auf unser Verhalten auswirkt, haben wir an zahlreichen (auch praktischen) Beispielen erfahren dürfen. Hierzu empfiehlt es sich, das Buch von Hans-Wolff Graf „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“ nicht nur zu lesen, sondern sich Kapitel für Kapitel zu erarbeiten.*

Die alternativen Konzepte des PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. (5/2016)

Diese (bereits vor Jahrzehnten geschriebenen) Konzepte wurden überarbeitet und in vier Broschüren neu veröffentlicht (siehe www.d-perspektive.de), was auf rege Neugier und hohes Interesse der Gesprächsrunden-Teilnehmer traf. So widmeten wir uns im Mai intensiv dieser spannenden Alternative für unser Zusammenleben.

Mit einer wirklichen Demokratie von unten nach oben, einem gerechten Konsum-Steuerwesen, einem weltoffenen, individuellen Bildungswesen und einem eigenverantwortlichen Gesundheitswesen sowie einer Lösung zur Finanz- bzw. EURO-Krise bieten diese Konzepte einen einzigartigen Ausweg aus dem verkrusteten System.

Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung (6/2016)

Was verbirgt sich hinter diesem Begriff, der sowohl positiv, wie negativ genutzt werden kann und was hat er mit uns zu tun? Ist ‚Nachhaltigkeit‘ nur ein Modewort zur Imagepflege von Unternehmen und Konzernen sowie für Politiker bei Wahlen? Lassen wir uns von dem Wort beruhigt einschläfern, wenn Politiker es in ihre Reden und Programme einbetten und Konzerne auf ihrer Website stolz präsentieren. Oder verbirgt sich dahinter die Motivation, unsere Lebensweise ehrlich und bewußt zu beleuchten, ggf. sogar zu verändern?

Wir erarbeiteten uns (interaktiv) Kriterien, Ziele und Visionen für die eigene nachhaltige Entwicklung und Lebensführung und konnten – großer Dank an Gabriele Hartmann! – auch einen Blick auf sinnvolle, nachhaltige Investmentstrategien werfen.

Von Bildung zu Kugelung

Diese äußerst fruchtbare Lern- und Lehrzeit – Zeit des ‚von- und miteinander Lernens‘ – ist ausschließlich durch die immer zahlreicher werdenden, neugierigen, interessierten und aktiven Teilnehmer so erfolgreich. Hierbei entstehen nicht nur neue (zweidimensionale) ‚Bilder‘, die zu ‚Bildung‘ führen, sondern durch die vielzähligen und -seitigen Gedanken und Gefühle eines Jeden, entsteht so etwas wie eine ‚Kugel‘ – woraus die neue Wortkreation ‚Kugelung‘ entstand…

Ein herzliches DANKE an alle Partner, die zum Gelingen, zur ‚Kugelung‘ dieser Gesprächsrunden beigetragen haben!

Nicola Trautner

* Das Buch kann bei der ‚pAS-private Akademie für die Selbständigkeit‘ unter info@private-akademie.com bestellt werden.

Renovierungsarbeiten im Kulturzentrum Krasnolessje

Die Renovierungsarbeiten im Kulturzentrum Krasnolessje sind abgeschlossen.

Als ich im letzten Sommer das Kulturzentrum in Krasnolessje besuchte, war ich über dessen Zustand sehr erschrocken. Irina Kowardo, die Zentrums-Leiterin des, erzählte jedoch, daß sie ein Preisausschreiben mitgemacht und gewonnen hätten, so daß sie nun dank des Geldgewinns mit der Renovierung beginnen könnten. Was für eine Freude, nun das Ergebnis sehen zu können und ihren Artikel über die Renovierungsarbeiten aus Krasnolessje hier zu veröffentlichen:

Nicola Trautner

Durch die Teilnahme am Wettbewerb „Innovationen“, bei dem wir den 2. Platz in der Kategorie „Bestes ländliches Kultur- und Freizeitzentrum“ belegten, konnten wir mit der gewonnenen Summe von 200.000 Rubel (ca. 3.000 €, Red.) mit der Renovierung des Kulturhauses beginnen. Dank der zusätzlichen Unterstützung des Ministeriums für Kultur des Kaliningrader Gebiets war es uns möglich, die meisten Renovierungsarbeiten durchzuführen.

Die Wände wurden von ihrer Verkleidung befreit und neu gestrichen; im Saal wurden die Beleuchtung ersetzt, eine „bewegliche“ Trennwand eingebaut und die notwendigsten Stellen des Bodenbelags erneuert. Um den Bodenbelag komplett neu zu verlegen, fehlten uns jedoch die Mittel – es handelte sich um nochmals 200.000 Rubel –, und an dieser Stelle hätten wir die Arbeit abschließen müssen. Da wir aber nicht aufgeben wollten, unternahmen wir alle möglichen Versuche, um finanzielle Hilfe dafür zu bekommen. Wir klopften an jede Tür, stellten Anträge und wandten uns an einen Baumarkt.

Der Verein „Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt, vertreten durch Jürgen Leiste, spendete 20.000 Rubel, und Alexei Pachomow, ein Geschäftsmann aus Kaliningrad und ehemaliger Absolvent unserer Schule, schenkte uns ebenfalls 20.000 Rubel. Diese Mittel wurden für die Renovierung der Bühne ausgegeben. Wjatscheslaw Stoljarow sponserte das Anstreichen des Bodens. Nach einem Blick auf die neuen Wände und die Bühne kamen wir zu dem Schluß, daß wir auch einen neuen Bühnenvorhang benötigten. Was tun? Wir verfügten noch über eine Summe von 20.000 Rubel. Das war eine Prämie der Stadtduma Kaliningrad an die Mitarbeiter unseres Kulturzentrums.

Wir berieten uns und beschlossen, die gesamte Summe für einen Vorhangstoff auszugeben. Die Mittel für das Anfertigen des Vorhanges bekamen wir von Sponsoren, hinzu kamen unsere persönlichen Ersparnisse. Schließlich war der Bühnenvorhang fertig, doch nun brauchten auch die Fenster eine neue Dekoration. Vor dem Jahreswechsel, der bei uns besonders gefeiert wird, blieb nur sehr wenig Zeit und noch weniger Geld. Wir buchten das letzte Geld vom Konto unseres Kulturzentrums ab. Dieses Geld stammte aus den Einnahmen der Diskoabende und von bezahlten Dienstleistungen. Mit unserer Bestellung wandten wir uns an den Salon „Gardinenjahreszeiten“ aus Gusev, und Tatjana Roshkowa, die Besitzerin, nähte für uns den Bühnenvorhang und fertigte auch in kürzester Zeit die Gardinen für die Fenster an.

Parallel zu den Renovierungsarbeiten liefen die Vorbereitungen für die Neujahrsfeier im Kulturzentrum. Es kam die Frage über den Kauf eines künstlichen Tannenbaums auf, da wir das Aufstellen einer echten Tanne im Saal als problematisch ansahen, denn die neuen hellen Wände könnten beschädigt werden. Das Deutsch-Russische Haus in Kaliningrad ließ uns seine Hilfe zukommen. Von den für die Weihnachtsfeiertage zugewiesenen Mitteln konnten wir schließlich eine künstliche Tanne kaufen. Im Kulturzentrum gab es auch kein eigenes Väterchen Frost-Kostüm (in Rußland der Weihnachtsmann, Red.). Doch auch das Kostüm sowie kleine Geschenke für den Geschenkesack von Väterchen Frost konnten dank der finanziellen Unterstützung aus unserer Gemeinde und der Verwaltung der Tschistoprudnenskoje selskoje poselenije (Landgemeinde), vertreten durch Irina Konaschenkowa, angeschafft werden.

Zur selben Zeit wurde auch das Projekt „Soziales Kino“ in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Organisation ProfKo (Kaliningrad) verwirklicht. Das Projekt ermöglichte den Ankauf einer Kino-Ausrüstung und neuer Stühle für die zukünftigen Zuschauer.

Alleine hätten wir das alles nicht geschafft, und den neuen Bodenbelag bekommen wir auch noch hin – der nächste Wettbewerb kommt bestimmt.

Besonderen Dank richten wir an:

Die Verwaltung Nesterowskij Rajon“, vertreten durch I. Opryschko; das kommunale Institut „Nesterow RMZK“, vertreten durch die Direktorin Galina Wolkowa; Wladimir Sudian und sein Arbeiterteam aus Gusev; das Deutsch-Russische-Haus; den „Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt“ sowie an die gemeinnützige Organisation „ProfKo“, speziell A. Pachomow, W. Stoljarow und W. Mironow.

Für die technische Unterstützung danken wir sehr herzlich Wiktor Pachomow und Alexander Juchiewskij und den Mitarbeitern des ‚Ökologisch-historischen Museums Wystiter See‚‘ Eduard Barsukow und Alexej Sokolow.

Als Silvestergeschenke bekamen wir einen Laptop sowie einen Drucker von NRD und eine Mikrowelle von der Kulturabteilung der Verwaltung „Nesterowskij Rajon“.

Nach all dem können wir nun dankbar sagen: Langsam geht es aufwärts – Schritt für Schritt!

Die Mitarbeiter des Kulturzentrums in Krasnolessje

Fotoalbum der Renovierungsarbeiten im Kulturzentrum Krasnolessje:

Das Kaliningrader Gebiet – Entwicklung, heutige Situation und Perspektiven

Das Kaliningrader Gebiet
– Entwicklung, heutige Situation und Perspektiven

Das Kaliningrader Gebiet

Inspiriert durch eine Ausarbeitung, die Marina Nazarova, Mitglied des russischen und deutschen Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt, für ihr Master-Studium „Ost-West-Studien“ geschrieben hat, griff ich ebenfalls zur Tastatur.

Ihre Arbeit trägt den Titel: Kaliningrader Exklave: ‚Doppelperipherie‘ oder Pilotregion? – Perspektiven der Kaliningrader Region in den Beziehungen zwischen Rußland und der EU. Das Thema wurde von Marina Nazarova aus persönlicher Sorge um das Schicksal der Kaliningrader Region gewählt sowie aus der inneren Überzeugung heraus, daß dieses Gebiet als gutes Beispiel für ein weiterhin friedliches Miteinander zwischen Rußland und der EU dienen könnte.

Da ich dieses aktuelle Thema als äußerst wichtig erachte, nicht nur in Bezug auf Kaliningrad sondern, auch im Hinblick auf die Bedeutung von Grenzziehungen und die Kriegsführung politischer Akteure für die betroffene Bevölkerung, hier einige Gedanken:

Problematik einer Exklave

Eine Exklave ist ein Gebiet, das vom Kern- bzw. Mutterland getrennt und somit von einem oder mehreren anderen Ländern umgeben ist. Diese räumliche Trennung stellt eine besondere Herausforderung für die Versorgung der in der Exklave lebenden Bevölkerung (Export/Import, Transit ins/vom Kernland, etc.) dar, da der Güterverkehr durch ein fremdes, eventuell feindlich gesinntes Land führen muß – im Falle Kaliningrads sind dies Polen und Litauen.

Der Begriff Enklave bedeutet, daß das Gebiet in einem fremden Staatsgebiet eingeschlossen ist – im Falle Kaliningrads in einem fremden Staatenverbund (EU).

Ich möchte an dieser Stelle nur eine kurze Zusammenfassung der Geschichte der Kaliningrader Exklave im 20. Jahrhundert aufzeigen, da ich sie für die heutige Situation der dort lebenden Menschen für wichtig erachte:

Das kleine Territorium des ehemaligen Ostpreußens mit der damaligen preußischen Haupt- und Residenzstadt Königsberg (heute Kaliningrad) wurde im 20. Jahrhundert zweimal zur Exklave – Zig-Millionen Menschen starben oder mußten fliehen; sie wurden immer wieder hin- und hergerissen zwischen Sprachen und Kulturen, und sie mußten immer wieder neu anfangen, ihr Leben aufzubauen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden durch den Versailler Friedensvertrag von 1918 Teile Westpreußens, Danzig, die ostpreußische Stadt Soldau und das Memelgebiet vom damaligen ‚Deutschen Reich abgetrennt und – mitsamt den dort Lebenden, und hierum geht es mir in diesem Artikel – an Polen übertragen. Um nach Ostpreußen gelangen zu können, mußte man durch Polen, den sog. „polnischen Korridor“, der den Polen den Zugang zur Ostsee sicherte – ähnlich wie in späterer Zeit der Transit zwischen Westdeutschland und Westberlin funktionierte. Diese Situation führte zu einer wirtschaftlichen Isolation des Gebietes bzw. der dort lebenden Menschen, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs andauerte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die „Karten neu gemischt“, und der nördliche Teil Ostpreußens wurde Teil der UDSSR (zu der damals auch noch Litauen gehörte), der restliche Teil ging an Polen. Das Kaliningrader Gebiet wurde zu einer völlig abgeschirmten militärischen Sperrzone, die für Privatpersonen und Touristen nicht zugänglich war. Diese Sperrzone diente als Mittel der Drohung gegenüber Europa, was eine Annäherung an das damalige sozialistische Polen ebenfalls ausschloß. Die Grenzen (auch zum „Mutterland“) waren dicht, was das Gebiet zu einer „inneren Enklave“ der UDSSR machte.

Die Zeit des Zerfalls der Sowjetunion und der Wiedervereinigung Deutschlands zu Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts brachte für das Kaliningrader Gebiet große Veränderungen; es wurde nun von „fremden“ Ländern umgeben, der Zugang für Privatpersonen und Touristen wurde möglich und zog eine bisher ungewohnte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Das Schicksal der Region, die strukturell von der Entwicklung im Kalten Krieg geprägt wurde und deren gesamte wirtschaftliche wie soziale Entwicklung während der Sperrung stagnierte, wurde zum Konflikt- und Problemfeld für Rußland und seine „alten/neuen“ Nachbarländer.

Seit 2004 ist das Kaliningrader Gebiet zu einer russischen Enklave innerhalb der EU geworden – eingeschlossen von den zwei EU- und NATO-Ländern Polen und Litauen. Diese geopolitische Lage beeinflußt alle Aspekte des Lebens in der Region und bestimmt seine wirtschaftliche und soziale Entwicklung.

Diskutierte Szenarien auf Regierungsebenen:

Während der Zeiten als Litauen unabhängig wurde (1991) und der Vorbereitungen zum EU-Beitritt Litauens und Polens wurden von russischen und europäischen Fachleuten und Politikern unterschiedliche Szenarien und Prognosen für die Entwicklung des Kaliningrader Gebiets diskutiert. Erwähnen möchte ich hierbei auch, daß im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands der damalige Präsident Rußlands Michail Gorbatschow dem damaligen deutschen Kanzler Helmut Kohl auch das Kaliningrader Gebiet angeboten hat.

Neben dem Szenario einer „Doppelten Peripherie“, in der Kaliningrad als vergessene Region am Rande Rußlands und der EU dargestellt wurde, in der nicht nur die mögliche Isolation diskutiert, sondern die Strategie erwogen wurde, „das Problem schlicht auszusitzen“, wurde auch über das Szenario einer „Pilotregion“ nachgedacht. Der Begriff der „Pilotregion“ wurde von der russischen Seite 1999 in einen Text („Mittelfristige Strategie gegenüber der EU“) eingebracht, der die Vision Rußlands ausdrückte, das Kaliningrader Gebiet als eine Modellregion für künftige Beziehungen zwischen Rußland und der EU zu betrachten.

Im Zusammenhang dieser Auseinandersetzungen wurden Varianten wie eine „Pilotregion“ als ein „transnationales Projekt“, „Stagnation mit Abhängigkeit vom Import und Präferenzen“ sowie „ein militärischer Vorposten“ (im Falle einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Rußland und der EU/NATO) betrachtet.

Nachdem jedoch 2004 das Transit-Problem gelöst worden war, entstanden keine weiteren Szenarien und die Diskussionen wurden weitestgehend eingestellt bzw. bis heute ungeklärt vertagt.

Das Kaliningrader Gebiet als „Kooperationsregion“

Während auf politischer Ebene die obengenannten Szenarien erarbeitet und besprochen wurden, entwickelten sich schon seit 1991 die ersten grenzüberschreitenden Beziehungen. Von Anfang an waren alle Seiten – Kaliningrad/Rußland, Polen und Litauen – daran interessiert, die Lage der unterentwickelten Exklave zu verbessern, Konfliktpotenzial, auch im Hinblick auf die EU, abzumildern und dadurch die Stabilität in der ganzen Region zu sichern.

Die Grundlagen für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit wurden auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene kooperativ geregelt, und heute gibt es zahlreiche Kooperationsprojekte zwischen Städten, Kreisen und Gemeinden sowie zwischen Universitäten, wissenschaftlichen Einrichtungen und NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen).

Durch diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit sind zahlreiche und vielfältige Verflechtungen entstanden, die die Tendenz aufzeigten, die Grenzen immer weiter zu öffnen.

Die dargestellte Analyse von Marina Nazarova zeigt auf, daß „das Kaliningrader Gebiet sowohl über das Konfliktpotenzial als auch die Chancen einer Exklave verfügt“ und als „Vorzeigeregion“ für die Möglichkeit einer grenzüberschreitenden Kooperation dienen kann. Die zahlreichen Partnerschaften und der bisherige Umgang miteinander sprechen für den Weg der Annäherung zweier politischer Systeme – Rußland und EU –, und die Bürger der Exklave Kaliningrad sind davon sehr abhängig.

Aktuelle Situation des Länderdreiecks

Um die brisante Frage „Was wird aus dem Kaliningrader Gebiet?“ beantworten zu können, hat Marina Nazarova zahlreiche Internet- und Nachrichten-Portale durchforstet. Auf führenden russischen und deutschen Nachrichten-Portalen und Internet-Zeitungen ist dieses Thema seit 2004 und insbesondere im Jahr 2014 kaum bis gar nicht präsent, und die Suche nach Prognosen war, bis auf eine Ausnahme, ergebnislos. Die föderale Zeitung „Novye Izvestija“ berichtete über ein Treffen von Vertretern Rußlands, Polens und Litauens im polnischen Bartoszyce zum Thema „Kooperation in den Grenzregionen und deren Perspektiven für 2016–2020“.

Auf führenden Nachrichtenportalen sind, wenn überhaupt, nur kurze Artikel über Mangelwaren in Kaliningrad infolge des russischen Import-Verbots aus EU-Ländern sowie der EU-Sanktionen (und Exportbeschränkungen) zu finden.

Informationen und Überlegungen zur weiteren Entwicklung der Exklave und ihrer Nachbarländer sind zurzeit nur in regionalen russischen, polnischen und litauischen Medien zu finden. Dabei geht es um rund eine Million Menschen einer Region, deren Wirtschaft und Zusammenleben sehr sensibel auf die Beziehungen zwischen Rußland und der EU reagieren und von ihnen abhängig sind.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Gebiet in dieser Krisenzeit zu einer vergessenen Region auf politischer Ebene geworden ist, obwohl die aktuellen Ereignisse dort „so spürbar sind, wie nie zuvor“ (Marina Nazarova).

Die mangelnde und schlechte Medienberichterstattung beeinflußt die Stimmung im ganzen „Dreiländereck“. Anhand der Auswertung der gesammelten Informationen kann behauptet werden, daß schon die Art der Berichterstattung von einer Konfrontation in der Region zeugt.

Folgende Themen sind gehäuft zu finden:

  • Blockade/Isolation
  • das Militärzonen-Thema
  • die Situationen an den Grenzen und
  • das Visaverfahren

In den litauischen Medien ist das Thema „Transit-Blockade“ omnipräsent (über Litauen werden unter anderem Lebensmittel aus Rußland nach Kaliningrad transportiert). „Blockiert“ wurde von litauischen Diplomaten auch der Empfang zum „Tag der russischen Diplomatie“. Diese Position Litauens ist in besonderem Maße bedauerlich, da die bisherige Zusammenarbeit als äußerst wichtig und interessant bezeichnet wurde. So äußerte sich der frühere Vizeminister für Außenbeziehungen, Vygaudas Usackas, im Jahr 1998 mit folgenden Worten: „Unser Partner Nr. 1 in Rußland ist der Kaliningrader Bezirk. Die Kontakte mit der Oblast sind eine Frage der Stabilität“.

In dem ukrainischen Wochenjournal „Zerkalo Nedeli“ wurde die Europäische Union dazu aufgerufen, eine Wirtschafts- und Visa-Blockade gegen die westlichste Region Rußlands zu verhängen und diese als geeignetes Mittel zum Druck auf Rußland und Putin bezeichnet.

Immer mehr Nachrichten sind der möglichen Verstärkung des Militärs in Polen und Litauen gewidmet. Das Thema „Militär“ ist in den lokalen Medien mit Überschriften wie „Die Grenze mit Kaliningrad wird von Drohnen überwacht“ (Polen verstärke seine Grenzen mit neuen Wachtürmen und Drohnen), „Rußland schickt strategische Bomber in die Enklave von Kaliningrad“, „Die Russen können den Kampf für die Erweiterung des Kaliningrader Gebiets anfangen“. Litauische und polnische Medien spekulieren mit der Angst vor dem Überfall Rußlands oder einem „Hybrid-Krieg“ auf baltischem Boden.

Nachrichten solch militärischer Szenarien häufen sich leider zunehmend.

Hierbei sei erwähnt, daß das Kaliningrader Gebiet eine Fläche von 15.125 qkm hat; zum Vergleich: Mecklenburg-Vorpommern ca. 23.200 qkm, Baden-Württemberg ca. 35.700 qkm und Bayern 70.500 qkm. Eine solche Berichterstattung drückt folglich sehr empfindlich auf die Stimmung im Kaliningrader Gebiet, in dem momentan alles genau beobachtet wird.

Wachsam verfolgen deshalb die Bewohner der Exklave auch die Nachrichten zu Visa-Bestimmungen sowie von den Grenzübergängen und versuchen, aus den dort herrschenden Zuständen weitere Entwicklungen abzuleiten. Hinweise auf Verzögerungen bei der Grenzabfertigung weisen darauf hin, daß Grenzen als die „Außenhaut von Staaten“ dort eher wieder zu „Reibeflächen“ als zu „Kontaktflächen“ werden.

Schon im März 2014 wurden die Verhandlungen mit Rußland über Visa-Erleichterungen eingestellt. Einige Monate später erfolgte die Mitteilung über die Abschaffung von kurzfristigen (72-Stunden-)Visa für Besucher des Kaliningrader Gebiets. Hierbei wurde als Begründung die geringe Nachfrage nach solchen Visa genannt. (Im Januar 2015 wurde entschieden, das erleichterte Visaverfahren doch um ein Jahr zu verlängern.)

Auch wenn die grenzübergreifenden Projekte im Dreiländereck trotz der Abkühlung in den politischen Beziehungen weiterlaufen, zeigte die Recherche, daß über diese Zusammenarbeit der Länder durch NGOs nicht berichtet wird. Dies macht einmal mehr deutlich, daß der politischen Elite (auf beiden Seiten) die Menschen in und um Kaliningrad und deren Zusammenleben, egal in welcher Region, völlig egal sind. Auf offizielle Erklärungen und Vorstellungen der Regierungsebene warten die Bewohner des Dreiländerecks vergeblich; sie sind damit zur vernachlässigten Peripherie und zu Opfern der „großen“ Politik geworden.

Wie Bewohner, Medien, lokale und regionale Politiker sowie Diplomanten des Kaliningrader Gebiets, Litauens und Polens mit der Situation in nächster Zeit umgehen werden, bestimmt nicht nur das weitere Leben in der russischen Exklave, sondern auch das Zusammenleben im ganzen Dreiländereck – positiv wie negativ.

Chancen für das Kaliningrader Gebiet und dessen Nachbarländer

Der russische Forscher und Autor Sergej Medvedev hat im Jahr 2004 folgende Aussage zum Kaliningrader Gebiet getroffen:

Statt eine Geisel in den russisch-europäischen Beziehungen mit deren Höhen und Tiefen zu sein, kann Kaliningrad zu einem bestimmenden Faktor dieser Beziehungen und Helfer beim Lösen ihrer schwierigsten ‚Knoten‘ werden.“

Er sah Kaliningrad als eine Pilotregion an, die durch die gemachten Erfahrungen und Erfolge mit grenzüberschreitenden Kontakten und Kooperationen wegweisend für russisch-europäische Beziehungen sein kann.

Hierfür wäre jedoch wichtig, daß eine einheitliche Definition des Begriffes „Pilotregion“ gefunden wird, denn obwohl der Begriff in Bezug auf das Kaliningrader Gebiet seit 1999 verwendet wird, wurde weder von der Regierung der Russischen Föderation, die ihn aufgebracht hat, noch von russischen und europäischen Experten, die für dieses Entwicklungsszenario plädier(t)en, eine konkrete Definition erarbeitet, geschweige denn Programme und Maßnahmen dazu vorgeschlagen.

Marina Nazarova schlägt in ihrer Arbeit vor, daß die regionalen Akteure, die bereits Erfahrungen mit einer fruchtbaren Zusammenarbeit und freundschaftlichen Nachbarschaften gesammelt haben, mit der Erarbeitung einer gemeinsamen regionalen Entwicklungsstrategie beginnen und damit auch beauftragt werden sollten. Diese Ausarbeitungen könnten die Grundlage für eine gemeinsame Strategie aller Akteure auf regionaler, nationaler und internationaler sowie auf staatlicher und nicht-staatlicher Ebene sein. Dabei sollte es nicht nur um die Weiterentwicklung der Kaliningrader Exklave gehen, sondern um die ganze „Dreiländereck-Region“, denn die jetzige Situation zeigt, daß auch die benachbarten EU-Regionen von dieser Entwicklung abhängig sind und von einer positiven Entwicklung der Exklave nur profitieren können.

Eine wesentliche Rolle spielen in diesem Prozeß (wie immer) die Medien, denen ihre Verantwortung für die wesentliche Stimmungs- und Meinungsbildung der ganzen Region offensichtlich gar nicht klar ist. Wladimir Putin rief auf der jährlichen Presse-Konferenz am 18. Dezember 2014 dazu auf, „die Phobien wegzulassen und die Zusammenarbeit zu fördern und weiterzuentwickeln“. Dabei sollte auf die Vernunft der Bürger beider Seiten gesetzt werden, die seit vielen Jahren fruchtbare und nachbarschaftliche Beziehungen kennen und pflegen; sie sollten sich nicht suggerieren lassen, das dies ab jetzt nicht mehr gilt.

Eine „Kultur der Grenzüberwindung“ ist von den Menschen der Region bereits entwickelt worden und stellt kein großes Hindernis für die weitere Zusammenarbeit dar. Unter diesen Voraussetzungen hat das Kaliningrader Gebiet gute Chancen, wirklich zum „Labor von Integrationsprozessen zwischen Rußland und der EU“ zu werden, und dies nicht nur auf regionaler Ebene.

Fazit von Marina Nazarova: „Die Erarbeitung einer gemeinsamen Entwicklungsstrategie auf regionaler Ebene, die auf schon jahrelang existierenden Erfahrungen gründet, kann helfen, die Aufmerksamkeit nationaler Zentren zu gewinnen sowie Vertrauen und Annäherung auf internationaler Ebene zu fördern.“

Nicola Trautner

(München, 16.03.2015)

„Das Gegenteil vom Eisernen Vorhang ist nicht die Grenzenlosigkeit, sondern der kleine Grenzverkehr.“

Prof. Karl Schlögel (2006)

Gewalt

Gewalt

Einigen wir uns am besten vorab darauf, Gewalt als „übermäßigen, gezielten Einsatz von Mitteln zur Erreichung eines Zieles“ zu definieren, wobei dieses „Ziel“ auch durchaus darin bestehen kann, etwas zu verhindern, was ohne den Einsatz von Gewalt vermutetermaßen geschähe.

Einigt man sich auf diese Definition, dann wird sehr schnell klar, daß Gewalt beileibe nicht nur in körperlicher Form auftritt. Unterscheiden wir also demnach unterschiedliche Arten von Gewalt:
a) Physische Gewalt: Hierbei geht es um den Einsatz von Körperkräften, mit Hilfe derer ein schwächerer zu etwas gezwungen werden soll. Reichen hierzu die eigenen Körperkräfte nicht aus, so bedient man sich gewisser „Verstärkungskräfte“. Diese können Stich-, Hieb-, Stoß-, Schlag- oder Schußwaffen sein. Aber auch lautes Gebrüll, martialische Kleidung, ein andersartiges, furchterregendes Äußeres (Masken, „Kriegsbemalung“, ein entsprechender Haarschnitt oder Tätowierungen) sind geneigt, Menschen einzuschüchtern und Gewalt zu implizieren.

b) Seelische Gewalt: Die Bedrohung mit Liebesentzug, Nichtbeachtung und schon das Andeuten, einen Menschen verlassen, ihn also alleine zu lassen, wirken erheblich – mitunter sogar stärker als körperliche Gewaltanwendung – und sind geeignet, Menschen gefügig zu machen, ihnen also gewaltsam den eigenen Willen aufzuzwingen

c) Geistige Machtmittel: Den Anderen als unfähig, dumm oder weniger/nicht kompetent hinzustellen, ihn mit Karriereeinbußen, vielleicht dem Verlust des Arbeitsplatzes oder mit anderen wirtschaftlichen Nachteilen zu bedrohen, sind derartige Formen von Gewaltanwendungen. Zu diesen Mitteln gehört jedoch auch das Androhen von Bestrafung (selbst wenn diese nur imaginär im Raum stehen bleibt). Die Gefahr des „Sitzenbleibens“ stellt für Kinder zumeist eine reale Gefahr dar. Gleiches gilt für „Prüfungsängste“ – auch Erwachsenen ja nur zu gut bekannt.

Gewalt entsteht also immer aus eigenen Frustrationen und Ängsten, weil man sich in seinen Zielen blockiert sieht, und dient dazu, sich eigener Ängste dadurch zu entledigen, daß man diese auf seine Umwelt transportiert.

Sieht sich ein Angst-beladener Mensch nun nicht in der Lage, mit dieser Angst – so fiktiv sie auch sein mag – fertigzuwerden und erkennt er außerdem keine Chance, sich gegen ihn bedrohende Menschen oder den Umstand, der ihm Angst einflößt, zu wehren, so wird sich seine Frustration völlig natürlicherweise dort entladen, wo er mit weniger Gegenwehr rechnen kann und er sein Ziel – sich selbst von der Angst zu befreien – leichter erreicht.

Die Bildung von Gruppen Gleichgesinnter – harmlose Form: Clubs und Vereine, gefährliche Form: Banden und kriminelle Vereinigungen – entspricht einerseits dem Wunsch, bestehende Verhältnisse zu ändern, andererseits jedoch der (meist unterschwelligen) Vermutung oder Gewißheit, es „alleine“ nicht schaffen zu können. Dazu kommt der ganz natürliche Drang nach Anerkennung von dritter Seite und das Bedürfnis nach Gemeinschaftlichkeit.

Unterscheiden wir K- (= körperliche), G- (= geistige) und S- (= seelische) Kräfte/Fähigkeiten, so gilt:

Einen Mangel an K versuchen wir (als höchst anpassungsfähige Lebewesen) durch den Einsatz von G- und S-Kräften zu kompensieren, einen Mangel an G durch S- und K-Fähigkeiten, usw. Dies gilt auch für den Fall, daß der Mangel nur vermeintlich ist, also real gar nicht existiert.

Dazu einige Beispiele:

      1. Im Haushalt einer Familie leben ein Junge und ein Mädchen. Der ältere Bub nimmt vielleicht – den großen Vater vor Augen – eher den geistig-dominierenden Platz (G) in der Familienhierarchie ein, während das hübsche Mädchen sich mehr auf die Rolle der Prinzessin (K) kapriziert. Nicht verwunderlich, wenn es sich dann auch später als geistig geringwertiger empfindet, mehr mit Sanftheit und körperlichen Vorzügen seine Ziele zu erreichen versucht und unter seinem vermeintlichen G-Mangel leidet, darüber aber lieber nicht spricht.
      1. Der von seinem Vater geohrfeigte Sohn sieht keine Chance, sich gegen seinen Vater zur Wehr zu setzen. Seine Angst, seine Frustration und sein Haß werden sich mithin gegen Schwächere richten – jüngere Geschwister, Nachbarskinder oder Haustiere. Stehen derartige „Rache-Ersätze“ nicht zur Verfügung, wird sich seine negative Gefühlsladung auf andere Objekte richten. Für viele stellt dann der Sport ein „entladendes“ Element dar. Fehlen hierzu die Möglichkeiten – zum Beispiel ein Mangel an Sportstätten –, zerstört dieser Junge etwa die Spiegel an parkenden Autos oder er zündelt. Vielleicht besprüht er auch Wände oder er stellt irgendetwas an, was „verboten“ ist. Er bestraft damit also den – nicht anwesenden – Vater, weil er gegen ihn – so er anwesend wäre – nicht ankäme.

Dieser „aggressiven“ (lat. aggredi = auf etwas zugehen, angreifen) steht die „ingressive“ Form der Bewältigung eines derartigen Konfliktes gegenüber. Das ingressiv agierende Opfer (z.B. einer Anwendung von Gewalt) verkriecht sich quasi in sich selbst. Es traut sich nicht, nach außen zu gehen, aggressiv zu handeln. Es vergräbt sich in seinen Schmerz und seine Trauer. Dies wirkt sich dann entweder körperlich aus – Schlafstörungen, Bettnässen, Sprach- und Verdauungsstörungen, Magengeschwüre oder andere Symptome – oder seelisch – in den verschiedenen Formen von Verhaltensstörungen, Neurosen und Psychosen, Manien oder Phobien bis hin zu autistischen Mustern oder letztlich in Selbstmord. Konzentrationsschwächen und schlechte Leistungen – in der Schule oder am Arbeitsplatz – sind noch relativ harmlose Erscheinungsformen. Die Flucht in Ersatzhandlungen – Alkohol-, Drogen- und Medikamentensucht – sind Phänomene, die wir statistisch erfassen und als „Krankheiten“ behandeln. Aber auch Kaufsucht, oftmals völlige Überschuldung, Promiskuität und Extrem-Sex, ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis, Entscheidungsängste und Geiz, Verfolgungsängste, Anorexie, Hypochondrie u.v.m. sind ingressive und aggressive Fluchtverhalten als Ausdruck mangelnden Selbstwertgefühls. Unsinnigerweise beschäftigen wir uns x-mal mehr damit, Symptome zu kurieren, statt den tatsächlichen Ursachen auf den Grund zu gehen.

Man kann es getrost als Akt eines „kollektiven Schuldbewußtseins der Gesellschaft“ bezeichnen, wenn wir die von derartigen Süchten betroffenen Menschen unseres „Mitgefühls“ versichern, ihnen „Verständnis“ entgegenbringen und bei Unfällen wie Straftaten „mildernde Umstände“ einräumen

Viele großartige Forscher und Erfinder waren körperlich behindert. Oft zeichnen sich körperlich oder geistig behinderte Menschen durch besondere musische Leistungen aus oder ragen durch ihr soziales Engagement aus der Masse heraus. In Einzelfällen kompensieren Menschen körperliche Defekte durch strategische Größe (Napoleon I, Prinz Eugen), bisweilen auch beispiellose Brutalität.

Und noch ein Phänomen sollte uns zu denken geben: Selbst brutalste Anwendung von Gewalt wird von der Masse geduldet, ja sogar gefeiert („Heldenmythos“), wenn es der Masse hilft, also in den Zeitgeist paßt.

Viele feierten die Kriminellen von Hoyerswerda, klatschten und sahen tatenlos zu. Mohammed ließ – unter dem Jubel von 30.000 – über 660 Christen in Medina öffentlich hinrichten, weil sie sich weigerten, zum Islam überzutreten. Denken Sie auch an öffentliche Auspeitschungen und Hinrichtungen.

Denken Sie an die Sympathie gewisser Massen – bisweilen sogar sog. Intellektueller (z.B. Sartre) – für die brutalen Gewaltakte der IRA und RAF, aber auch den Jubel der Massen im römischen Kolosseum (Christenverfolgung), die Euphorie, mit der Kreuzzüge begleitet wurden und die schaurige Antwort auf die Frage: „Wollt Ihr den totalen Krieg?“ Nicht viel anders sind auch Stier-, Hahnen-, Bären- und Hundekämpfe zu bewerten.

Wenn die Anwendung von Gewalt den Konsens der Masse trifft, mutiert sie zu Heldentum, wird glorifiziert und gefeiert.
Vorsicht: Innerhalb ihrer (kleinen) Masse gelten auch die Attentäter von Hoyerswerda, Mölln und Solingen als Helden!

Jedes Ereignis – nennen wir es „break“ (abrupter „Bruch“) – wirkt auf unsere Psyche. Sind derartige „breaks“ einschneidender negativer Natur und können sie nicht unmittelbar abgefedert werden – z.B. weil sie besonders schmerzhaft sind oder geistig nicht verstanden oder seelisch nicht ausgelebt werden können –, hinterlassen sie mehr oder weniger starke Narben. Anhaltende, also dauerhafte „breaks“ werden zu „Animationen“ und nisten sich als nicht-kompensable Erlebnisse in unserem Seelenleben ein. Positive breaks und Animationen stärken unser Selbstwertgefühl, bilden also quasi eine „Armierung unseres Seelengerüstes“, während negative breaks und Animationen zwar nach und nach ins Unterbewußtsein abgeschoben, also verdrängt werden, niemals jedoch aus unserem „Lebensinhalt“ verschwinden. Mit derartigen „Engrammen“ (= „Einkerbungen“) befassen wir uns – sofern sie negativ sind – höchst ungern, da die Erinnerung immer wieder schmerzt. Sie belasten aber sowohl unsere eigene Psyche, als auch das Verhältnis zu unserer Umwelt.

Erfährt nun ein junger Mensch, vielleicht sogar ein Kind oder gar ein Baby derartige „Einkerbungen“, so erwachsen daraus Störungen unterschiedlichster Art, die sich entweder „nach innen“, also auf den Menschen selbst richten oder zu einem Mangel an Vertrauensfähigkeit seiner Umwelt gegenüber führen. Derartige breaks/Animationen („b/a“) sind dann im weiteren Leben die Auslöser für ein kraftvolles, positives und freudvolles Lebensgefühl, sofern die dahinterstehenden „Einkerbungen“ und „Beseelungen“ eben positiver, bestärkender Natur sind. Sie führen zu einer grundsätzlich lebensbejahenden Einstellung.

Mit den negativen breaks/Animationen („b/a“) befassen wir uns leider zumeist erst, wenn massive Störungen in unserer Beziehung zu uns selbst oder im Umgang mit unserer beruflichen oder privaten Umwelt auftreten. Da viele dieser „b/a“ mitunter Jahre und Jahrzehnte „verschüttet“ in uns schlummern, besteht die mühevolle Arbeit von Psychologen und Psychotherapeuten darin, diese „b/a“ wieder zu „entdecken“, also offenzulegen. Da wir/die Gesellschaft derartiger Störungen bei unseren Mitmenschen zumeist erst beim Auftreten massiver Verhaltensmuster gewahr werden, stehen wir menschlichen Tragödien und „Übersprungreaktionen“ oftmals völlig verständnis- und hilflos gegenüber

So sind sich psychologisch geschulte Ärzte (und Polizisten) darüber klar, daß der weit überwiegende Anteil von Erkrankungen und (Verkehrs-)Unfällen Arten einer „Gewaltanwendung nach innen“ sind. Anders ausgedrückt: Alte Narben und seelische Wunden sind – natürlich zur Unzeit – plötzlich aufgebrochen und der davon betroffene Mensch begeht Fehlhandlungen, derer er sich selbst zumeist gar nicht klar ist.

Dieser Gewalt nach innen steht die „aggressive“ (= nach außen gerichtete) Gewalt gegenüber. Hier richtet sich das destruktive Moment nicht gegen den eigenen Körper, den eigenen Geist und die eigene Seele, vielmehr begeht der Mensch plötzlich Straftaten und zeigt Verhaltensmuster, die dem Bild, was seine Umwelt bislang von ihm hatte, völlig zu widersprechen scheint.

Gewalt ist der aggressive, Flucht der ingressive Versuch, Lösungen für Probleme zu finden. Je größer das Problem, je schwerwiegender also die Belastung für die Seele ist, desto „bereitwilliger“ werden wir in der Wahl unserer Mittel, und umso zerstörerischer handeln wir gegenüber anderen (= aggressiv) oder gegenüber uns selbst (= ingressiv).

Wir sehen also, daß Gewalt und deren Äußerungsformen zumeist ein äußerst kompliziertes Geflecht von dahinterstehenden Motiven darstellt.

Schon aus diesem Grunde ist die singuläre Auseinandersetzung mit den Symptomen von Gewalt (Kriminalität, Ausländerhaß, etc.) und Publicity-süchtige „Talk-Shows“ im Fernsehen ausgesprochen dümmlich und höchst kontraproduktiv.

Es gibt nämlich kaum ein Argument, dem nicht ein mindestens ebenso schwerwiegendes Argument entgegengesetzt werden könnte.

Es nützt auch nichts, wenn wir unter einem hohen Anspruch an „soziale Gerechtigkeit“ vor Gerichten und im Namen der Rechtspflege mit Hilfe ellenlanger Gutachten (und Gegen-Gutachten) mühsam die Hintergründe der Taten von Hoyerswerda bis Solingen aufzurollen versuchen, wir jedoch an den dahinterstehenden und tatsächlich ausschlaggebenden Ursachen nichts ändern.

Gewalt ist immer von mehr oder weniger großen (seelischen) Verlust-, (körperlichen) Schmerz- oder (geistigen) Versagensängsten bestimmt – mitunter auch aus einer komplexen Vermengung vieler derartiger Ängste. Diese „bursts“ (Ausbrüche) ernsthaft verhindern zu wollen, bedeutet, für die Zukunft andersartige Ursachen zu legen, die Qualität der Erziehung und – gerade in Deutschland – unsere Einstellung zum „Phänomen Kind“ endlich ernsthaft zu hinterfragen. Nachgerade ist die Anwendung von oder eben der Verzicht auf Gewalt eine Frage der (geistigen) Bildung, des eigenen Horizontes und der emotionalen sowie der sozialen Kompetenz.

Wenn Kinderbanden in Brasilien oder Jugendbanden in Kenia Ausländer überfallen und ausrauben, steht dahinter oftmals der tatsächliche Kampf ums Überleben. Wenn westdeutsche Jugendliche den Abbau von Sozialgesetzen, dessen Notwendigkeit den politisch Verantwortlichen längst klar war – den sie jedoch aus populistischen Gründen nur feige verdrängten –, nunmehr den Asylanten und (ganz bestimmten) Ausländern in die Schuhe schieben zu müssen glauben, liegen einem scheinbaren Phänomen (der Vernichtung eines Menschen) in Wahrheit völlig andere Beweggründe und Ursachen zugrunde.

In Wirklichkeit resultieren derart erschreckende Momente der Gewaltanwendung aus einem fürchterlichen Desinteresse einer übersättigten Gesellschaft, einer erschreckend kinderfeindlichen Umwelt in Deutschland, dem unheilvollen Blendwerk unserer Kirchen, dem Prestige-geilen Egoismus breiter Bevölkerungsschichten, der politischen Dumpfheit und Trägheit der Bevölkerung und dem zunehmenden Fehlen echter Vorbilder, an denen sich Kinder und Jugendliche orientieren, mit deren Hilfe sie sich Ziele setzen könnten.

Lassen Sie mich diese zugegebenermaßen etwas pauschal klingende Schelte erläutern: Der völlig über-zogene „Gleichberechtigungswahn“, die hauptsächlich ökonomisch orientierte Bereicherungsmentalität und die mit einem zunehmenden Desinteresse an ihrer Umwelt einhergehende Vereinsamung der Menschen (gerade in hochindustrialisierten Ländern) unterbindet immer mehr die notwendige Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Solange die Noten stimmen, kann die „Erziehung“ nicht so falsch sein – meinen die selbstzufriedenen Eltern. Die regelmäßige Anwesenheit der Eltern ist, wenn sie sich in gemeinsamem Fernsehen erschöpft, ebenso unsinnig, wie die hilflosen Versuche des ständig absenten Vaters, der seinen Kindern zu erklären versucht, daß er doch alles „nur für die Familie“ tue.

Welche Eltern fragen denn schon ihre Kinder, wann (und ob) es diesen Spaß mache, daß man gemeinsam etwas unternimmt? Und weiters: was ihre Vorschläge seien?
In welcher Familie haben denn schon die Kinder gleiches Mitbestimmungsrecht wie die Erwachsenen?
Welche Eltern anerkennen denn die Schulleistungen ihrer Kinder als dem Beruf der Eltern gleichwertig entsprechend?

Stattdessen müssen Kinder sehr rasch erkennen, daß die physisch Stärkeren in der Familie auch das Sagen haben und die Gestaltung des Familienlebens von den Erwachsenen (zumeist den Vätern – sofern vorhanden) dominiert wird. Familienidylle besteht zumeist darin, daß die Kinder lernen, sich dem Diktat der Eltern unterzuordnen.

Wer dies nicht wahrhaben will, der möge sich eindeutige Untersuchungen zu diesem Thema einmal vornehmen: Von 15.000 befragten Kindern zwischen 5 und 14 Jahren äußerten sich gerade 4% aller Kinder „rundum zufrieden“ mit ihren Eltern.

Die den Kindern – nachgerade den eigenen – verabreichten negativen „b/a“ werden auch von den Eltern tunlichst verdrängt – in der Hoffnung, daß „es schon nicht so schlimm“ sei.

Noch immer schwören viele Eltern darauf, daß „eine Ohrfeige oder ein kleiner Klaps auf den Hintern schon nicht schaden“ könne.

Von den übrigen Formen der Gewaltanwendung – Drohungen, Liebes- und Essensentzug, Miß- und Nichtbeachtung, Befehlen (ohne Erklärungen) u.v.m. – wird erst gar nicht gesprochen. Wie viele Eltern haben es selten oder sogar niemals für nötig befunden, sich für falsche Reaktionen bei ihren Kindern zu entschuldigen?!

Kinder werden mit einer schnell wachsenden Befähigung geboren, Verstand und Gefühl („Kopf“ und „Bauch“) miteinander Zwiesprache halten zu lassen. Dieser „innere Monolog“, mit Hilfe dessen das Kind frei und unglaublich schnell zu lernen vermag, aber auch ganz genau realisiert, was falsch und richtig ist, wird im Rahmen der „Erziehung“ immer mehr unterbunden. Es ist, als ob man „Filter“ zwischen „Kopf“ und „Bauch“ schiebt. Derartige Filter – wir nennen sie „Bannbotschaften“ – sind zum Beispiel:

  • Das tut man nicht (vor allem als Mädchen/Frau)
  • Das schaffst Du nicht!
  • Das geht nicht!
  • Jungen weinen nicht!
  • Warte nur, was passiert, wenn Papi nach Hause kommt!
  • Dazu bist Du noch zu klein!
  • Du Versager!

Jede dieser „Bannbotschaften“ manifestiert in dem kleinen Menschlein die Gewißheit, daß es unfähig, wertlos und dumm ist – immerhin sind es ja die Ur-Vorbilder (Eltern), deren Aussagen kleine Kinder weder in der Lage noch überhaupt willens sind, kritisch zu hinterfragen bzw. sogar anzuzweifeln. Das kleine Kind wehrt sich – trotz des Schmerzes – geradezu dagegen, bei den Eltern etwas Schlechtes sehen zu wollen, womit es ja seine Ur-Vorbilder (teilweise) zerstören würde. Dieser Verdrängungsmechanismus hält mitunter sogar bis ins hohe Erwachsenenalter an und „übersteht“ sogar kriminelle Verfehlungen der Eltern, z.B. Vergewaltigungen von Töchtern durch Väter!

„Du sollst Vater und Mutter ehren!“ Dieser Spruch – Gebote in Bibel, Koran und Talmud – wird damit zum absoluten Freifahrtschein für jedwedes Handeln der Eltern.

Selbst wenn im Laufe der Zeit das (geistige) Bewußtsein reift, daß auch die Eltern nicht alles fehlerlos und richtig machen, ist die unheilvolle „Saat“ dieser Bannbotschaften längst aufgegangen.

Und noch ein weiterer Aspekt: Der gerade in einer hochzivilisierten und übertechnisierten Umwelt immer mehr zunehmende Konkurrenzdruck und die Konzentration auf geistige und wirtschaftliche Parameter – zu Lasten der Gefühlswelt, des Seelenlebens und der zwischenmenschlichen Kommunikation – läßt dem Einzelnen immer weniger Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen. So beschäftigt wir mit der Hege und Pflege unseres Körpers sind (s.h. Bodybuilding, Fitneß und Mode) und so ängstlich wir körperlichen Unzulänglichkeiten gegenüberstehen, so gnadenlos vernachlässigen wir unsere Seelen.

Dazu kommt eine sich geradezu überschlagende Flut von Informationen, die – oftmals gezielt manipulierend – nur fragmentarisch aufgenommen wird, ohne daß diese „Sternschnuppen“ komplexer Sachverhalte überhaupt hinterfragt werden. Information wird mit Wissen verwechselt!

Immer noch völlig unterschätzt wird, das fatale Wirken von „Versagensängsten“, die in Minderwertigkeitsgefühlen und á la loungue -komplexen münden. Diesen „Mikos“ versucht der Mensch buchstäblich instinktiv entgegenzuwirken. Fehlt ihm dazu das Wissen oder (scheinbar) die Gelegenheit – wohinter sehr oft „Verbote“ aus Kindheit und Elternhaus stehen (z.B. „Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten“) – bricht sich dieser Minderwertigkeitskomplex anderweitig Bahn, mitunter eben in Form von Gewalt. Wer sich dann alleine zu schwach oder unsicher fühlt, sucht nach dem Kollektiv. Der „Chorgeist“ einer Bande, kriminellen Vereinigung, Sekte o.ä. stärkt auch Feiglinge, schafft (fehlende eigene) Überzeugungen und übertönt ethische Bedenken, die man als Einzelner noch hat. Dieses Phänomen macht dann aus Versagern und profillosen Mitläufern plötzlich „Helden“ und „wichtige“ Figuren – denken Sie z.B. an Hooligans und Rocker, aber auch Salafisten, Selbstmordattentäter, IS- oder Boko Haram-Anhänger u.v.m. Aber auch Partei- und Politikerkarrieren bieten hierfür Chancen.

Dabei werden dann Barrieren durchbrochen, die ansonsten völlig tabu sind. Der gequälten Seele gereicht ein Dammbruch zur Befreiung – leider oftmals mit der Folge einer neuen Verletzung, die dann (z.B. ein Tötungsdelikt) als lebenslange Schuld mitgeschleppt wird.

Die eingangs gefundene Definition muß also noch ergänzt werden:
Gewalt resultiert in letzter Konsequenz aus einer seelischen Hilflosigkeit, dem Schrei nach Anerkennung und dem Fehlen von Wissen. Umgekehrt: Je höher der Stand (verarbeiteten) Wissens ist und je gesünder die dazugehörige Seele ist, desto weniger entsteht Gewalt.

Wenn dieser Artikel Sie nun etwas ratlos herumstehen läßt, so schadet dies gar nichts.

Ich wollte mir keinesfalls anmaßen, dem immer schneller wachsenden Maß an Gewalt ein „Zaubermittel“ entgegenhalten zu können. Es ging mir einzig und allein darum, daß Phänomen Gewalt als das zu entlarven, was es ursächlich ist: Die Unfähigkeit der Gesellschaft, ihre eigene Schuld an den Ursachen der uns umgebenden Gewalt einmal ehrlich zu hinterfragen und anzusehen.

Erst wenn wir unser gesamtes Tun und Handeln, unser Denken und Fühlen als zueinander gehörig betrachten, empfinden und zulassen – ohne dies gleich immer zu bewerten – gelangen wir bei/in uns selbst zu einem „Gleichklang von Körper, Geist und Seele“. Erst dann stimmt der „innere Monolog“, der uns ganz genau – fernab jeder Bannbotschaft (!) – sagt, was richtig, sauber und gut ist. Erst aus diesem geklärten Ich-Bewußtsein („Selbstverständnis“) kann ein „Du-Bewußtsein“ und eine „Du-Verantwortung“* erwachsen, ein Verständnis für die Umwelt und unsere Mitmenschen resultieren und – besonders wichtig für Eltern und Lehrer – ein Erziehungsauftrag tatsächlich erfüllt werden.

Wer wirkliche Macht – im Sinne überzeugender echter Autorität – hat, der muß keine Gewalt anwenden.

 

Hans-Wolff Graf (1993/2014)

* Die „Verantwortungspyramide“ und die „Bewußtseinspyramide“, jeweils Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt, München

Zum Thema Gewalt auch dieser Artikel: „Gewalt-Krieg-Völkermord“