Frieden – Rede zum 20-jährigen Jubiläum

Rede von Hans-Wolff Graf anläßlich des 20-jährigen Jubiläums unseres russischen Schwestervereins „Sojus Anthropos Kaliningrad

Rede von Hans-Wolff Graf anläßlich des 20-jährigen Jubiläums unseres russischen Schwestervereins „Sojus Anthropos Kaliningrad“

Meine Rede ist einem Thema gewidmet, das jeden von uns betrifft – unabhängig von Alter, Nationalität und Rasse. In Wirklichkeit gibt es in der Welt keine Rassen. Wir sind alle Menschen. Es handelt sich um das Zauberwort „Frieden“. In der russischen Sprache ist das Wort für „Frieden“ dasselbe wie „Erde“ bzw. „Welt“.

Über Frieden wird überall gesprochen, doch die Realität sieht ganz anders aus: Kriege und bilaterale Auseinandersetzungen existieren heutzutage in über 70 Ländern. Religiöse Kriege, säkulare Kriege, bei denen Menschen sterben und vor denen sie fliehen. Alleine im letzten Jahr starben wegen der Kriege weltweit etwa 3.500.000 Menschen. 24 000 Kinder sterben jeden Tag an Unterernährung und den Folgen von Kriegen und Konflikten.

Und über dieses Zauberwort „Frieden“ möchte ich heute sprechen. Der berühmte Stratege Clausewitz sagte vor etwa 200 Jahren: „Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge“. Demokrit sagte vor 2.500 Jahren Ähnliches: „Der Aufrichtige braucht keine Lüge. Kriege werden von Lügnern geführt“. Für viele Menschen ist das Wort „Frieden“ etwas Abstraktes – wie der Weihnachtsmann, der Osterhase oder der Klapperstorch. Oft machen wir uns gar keine Gedanken über diesen Begriff und interessieren uns nicht dafür, wer mit wem warum einen Krieg führt, denn den meisten Menschen fehlen das Interesse und die Neugier, um über die Zusammenhänge nachzudenken, die zu solchen Situationen führen. Wir lassen uns von Ideologien regieren. Jede Ideologie ist aber ein gefährliches Gift, denn alle Ideologien – ob religiös oder säkular – sind immer intolerant. Sie sind gegen Frieden und eifersüchtig. Deshalb ist es so leicht, uns zu steuern. Menschen, die unter der Wirkung einer Ideologie stehen, ziehen schnell in den Krieg, und das wird von denjenigen provoziert, die gar kein Interesse an Frieden haben, weil sie am Krieg verdienen. Frieden ist mit keiner Ideologie zu erreichen, er kann nur mithilfe der Philosophie errichtet werden. Philosophie ist jene Grundlage, dank derer sich in uns Neugier und Interesse an den Anderen entwickeln kann. Erst dann fangen wir an, Fragen zu stellen und uns für Motive und Ursachen zu interessieren. Neugier und Interesse führen dazu, daß wir Wissen aus unterschiedlichen Bereichen sammeln, das dann unsere Bildung ausmacht, und Bildung kann viele Jahre später zur Weisheit werden. Das ist die Grundlage für Frieden, für das Leben in Frieden.

Frieden heißt nicht Konfliktlosigkeit. Konflikte existierten immer und werden auch immer existieren – zwischen einzelnen Menschen, Staaten, Nationen. Konflikte werden aber niemals mit Gewalt gelöst – ob es dabei um unsere Kinder, Nachbarn oder Nationen geht. Gewalt ist immer ein Zeichen von Dummheit, Bequemlichkeit (um nicht nach anderen Lösungen suchen zu müssen) oder Arroganz. Deshalb ist Frieden nichts für feige Menschen. Sich für Frieden einzusetzen, erfordert Mut. Frieden und Friedensfähigkeit setzen persönliches Engagement, Teilnahme und Mut voraus, gegen eine andere Meinung aufzutreten, eigene Meinungen offen zu äußern, auch wenn vor ihnen eine Menschenmasse mit einer Gegenmeinung steht. Gewöhnlich ist es schwierig, den eigenen Standpunkt in solchen Situationen zu vertreten – dafür braucht man Mut. Frieden setzt Toleranz voraus – die Meinung des Anderen anzunehmen, ohne ihm die eigene Meinung aufzuzwingen. ‚Alles außer einem Schatten hat zwei Seiten‘, warum gestatte ich dann dem Anderen nicht, die Sache von einer anderen Seite zu betrachten, statt ihm die eigene Meinung aufzuzwingen? Stellen Sie sich vor, wir wären alle gleicher Meinung. Wir hätten dann den gleichen Beruf, gleiche Ansichten, die gleiche Liebe. Das wäre grausam. Auf Frieden zu warten und zu hoffen, ist kindisch naiv, denn Frieden ist kein Wetter, Frieden ist das Produkt menschlichen DenkFühlHandelns.

Es ist sinnlos, Politikern die Funktion zu überlassen, Frieden für uns zu schaffen. Politiker haben viel weniger Chancen, für Frieden zu sorgen als jeder von uns, denn sie sind im System gefangen, in dem sie erfolgreich geworden sind. Frieden ist nach meiner festen Überzeugung die unabdingbare Grundlage für Freundschaft jeder Tiefe. Und Freundschaft ist die Grundlage für Liebe, die wir uns alle so sehr wünschen. Warum tun wir aber dann so wenig dafür?

Ich wünsche uns allen Frieden – unabhängig davon, wo sich jeder von uns befindet. Das ist aber etwas, wofür wir uns selbst aktiv einsetzen sollten. Und darum bitte ich Sie von ganzem Herzen.

Herzlichen Dank!

H.-W. Graf

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