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Die Sonneberger Akademie der Kinder

Die Sonneberger Akademie der Kinder

Den Sonneberger Kindern liegt die Kreativität wohl "im Blut"

Die im fränkischen Teil Thüringens liegende Stadt ‚Sonneberg‘ war über Jahrhunderte hinweg – bis weit ins 20. Jahrhundert – die Weltspielzeugstadt Nr. 1.

In fast jedem Haus wurde entworfen, gehämmert, genäht und gestopft; zahlreiche internationale Handelshäuser vor Ort brachten Kinderaugen in der ganzen Welt zum Leuchten. Einzigartige Puppen, Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Selbstbaukästen für Häuser oder Plüschtiere – all dies kann heute im ‚Deutschen Spielzeugmuseum‘ bestaunt werden.

Noch bis zur Wende beheimatete Sonneberg die größte Herstellung von Puppen und Plüschtieren im gesamten Ostblock, und auch im übrigen Europa gab es seinerzeit kaum einen Hersteller, der in punkto Menge und Modernität mit den Sonnebergern mithalten konnte. Pro Tag gingen bis zu 600 Plüschtiere und 10.000 Puppen allein über die Bänder des VEB Sonni – bis zur Wende.

Leider ist es den Sonnebergern nicht gelungen, in ihrer lebendigen Stadt dieses Handwerk und die Tradition der Spielzeugherstellung zu bewahren.

Doch neben den Menschen – insbesondere den Kindern – sind zwei Orte der Stadt in jedem Fall eine Reise wert: Das große, 2014 neu eröffnete und erweiterteDeutsche Spielzeugmuseum und die Akademie der Kinder der Weltspielzeugstadt e.V. Beides durfte ich besuchen, und was ich erlebte, war bezaubernd und mutmachend zugleich – zwei Kleinode in der vom demographischen Wandel bedrohten Stadt.

In diese wundervolle, heute fast Spielzeug-verwaiste Stadt wurde ich von dem (noch) kleinen Verein Akademie der Kinder der Weltspielzeugstadt e.V. eingeladen – unser langjähriges Mitglied Jürgen Prüfer hatte vom Anthropos e.V. erzählt. In der Akademie wird Kindern nicht nur die Spielzeug- bzw. Puppenherstellung beigebracht, sie hat auch das Anliegen, Kinder in ungezwungener Umgebung sich und ihre Kreativität erleben zu lassen.

Die Akademie wurde von Regina Trutzl (Spielzeuggestalterin, Diplom Designerin) 2017 nach zahlreichen Projekten in wechselnden Behausungen gegründet. In einem hellen großen Raum, der mietfrei zur Verfügung gestellt sowie liebevoll und fachmännisch renoviert und eingerichtet wurde, können sich die Kinder Sonnebergs zu Hause fühlen und ihre Kreativität entfalten. Hier gelingt jungen Menschen zwischen 7 und 19 Jahren (manchmal auch älteren Erwachsenen), was ich nicht für möglich hielt. Unter fachmännischer Anleitung von Regina Trutzl erlernen sie die technischen und handwerklichen Fähigkeiten, ihre eigene Puppe herzustellen. Doch nicht nur das, hier werden in ungezwungener und spielerischer Art handwerkliches Geschick, Vorstellungsvermögen, Durchhaltevermögen und Ausdauer gelernt, und gleichzeitig die Zusammenarbeit, Teamfähigkeit und das soziale Miteinander gefördert, was zusehends das Selbstwertgefühl der Kinder stärkt. Auch der Austausch über private und schulische Probleme oder Erfolge findet hier offene Ohren.

Bei der Herstellung einer Puppe geht es nicht nur um Material und Form, auch anatomische Kenntnisse werden vermittelt und zeichnerisch geübt. Eine Puppe bzw. ein Puppenkopf muß zunächst einmal mit Ton modelliert werden, und dies ist ein zutiefst empathischer Prozeß – das durfte ich in den drei Tage, die ich dort war, selber erleben. Auch das von- und miteinander Lernen steht im Vordergrund. So wurde ich nicht nur von Regina Trutzl angeleitet, nein, auch die Kinder – allen voran Julia, Danica und Nele – gaben mir wertvolle Hinweise, wie mein Ton-Modell des Puppenkopfes zu verbessern sei.

Wenn das Ton-Modell fertig ist, wird die Form gegossen, die zur Vervielfältigung des Kopfes bzw. der Hände und Füße dient. Es folgt das Gießen der Körperteile mit Kunststoff oder Keramik, die nach Trocknung mit dem aus Stoff gefertigten und mit Stopfwatte gefüllten Rumpf verbunden werden. Die fertigen Puppen wollen natürlich auch noch liebevoll von den Kindern angezogen werden; es folgt das Entwerfen und Nähen der Kleidung.

Zu beobachten, mit welcher Sorgfalt, Hingabe und Fürsorge die entstehenden Puppen von den Kindern behandelt werden, ist eine helle Freude.

Die Akademie bietet jungen Menschen in Sonneberg eine Alternative zur „Straße“; sie bietet Geborgenheit, und gibt den Kindern die Möglichkeit zu erleben, daß sie aus sich selbst heraus – freiwillig – etwas schaffen und auch vollenden können.

Die Zusammenarbeit unserer beiden Vereine wird gedeihen, da bin ich mir sicher! Wir haben sogar schon überlegt, wie wir die Kinder aus der Ukraine und Kaliningrad zusammenbringen können.

So wurde aus dem kleinen Hinweis eines unserer Mitglieder ein Keim gelegt, der nun gedeihen darf und wird. Vielen Dank an Jürgen Prüfer!

Vielen Dank vor allem an die Kinder der Akademie, ihre liebevolle Begleiterin Regina Trutzl und dem „Allround-Helfer“ Andreas Stauch für die drei wundervollen Tage. Vielen Dank aber auch für die lieben Menschen, die mir die Stadt und die Gegend mit ihren Bewohnern Nahe brachten, allen voran Kerstin Bauer und Susanne Bock, die Fotografen Nancy Öhme und Peter Schäller sowie Peter Weisbrich (ITson GmbH) der der Akademie einen neuen Computer bescherte.

Nicola Trautner

Grundlagen, Arbeitsschritte und Techniken der Puppenherstellung, die die Kinder lernen

  • Gesichts- und Körperproportionen, anatomische Besonderheiten vom Baby/Kind; Entwicklung des räumlichen Sehens und Formgefühl
  • Materialkunde: Ton, Gips, Kunststoff, Keramik, Textilien, Farben; Umgang mit Stopfwatte, Körperformung
  • Bildhauerische Techniken der Modellierung mit Werkzeugkunde
  • Formenbau für die modellierten Körperteile
  • Gießen des Puppenkopfes
  • Verputzen, Schleifen, Polieren, Malen, Streichen
  • Entwicklung eines Puppenkörpers aus Stoff; Festlegung der Proportionen, Schnitterstellung, Nähen, Stopfen
  • Zusammenbau des Puppenkopfes, der Hände und Füße mit dem Körper
  • Auswahl von Frisur und Haarfarbe; Gestaltung der „Perücke“, Aufkleben, Frisieren
  • Entwurf des Puppenkleides, Schnittentwicklung, Nähen, Dekorieren, Ankleiden der Puppe
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