Jahresbericht 2018


Unsere Aktivitäten

von Juli 2017 bis Juni 2018

Der Jahresbericht ist eine unserer Traditionen, und soll die Transparenz und Offenheit verständlichen mit der wir arbeiten. So möchten wir Ihnen, liebe Mitglieder, Freunde, Helfer und Sponsoren, auch in diesem Jahr einen Überblick über unsere Arbeit geben.

Ob in Kaliningrad, im Kaliningrader Gebiet (Rußland), in Kiew, Iwano-Frankiwsk und Repki (Ukraine) oder in München, Berlin und Sonneberg (Deutschland), überall dort sind wir partnerschaftlich mit Menschen verbunden, die sich aktiv für Kinder und unsere gemeinsame Zukunft engagieren. Es ist eine Freude zu sehen, wie das Motto – eine kleine Gruppe von engagierten Menschen kann die Welt verändern – in unserem Verein gelebt wird und gedeiht.

Bevor wir über unsere Aktivitäten im Kaliningrader Gebiet berichten, in dem wir nun schon seit 25 Jahren die Menschen vor Ort unterstützen, möchten wir Ihnen einen kurzen Überblick über die Berichte aus der Ukraine und Deutschland geben.

Nach wie vor fnden die meisten unserer Aktivitäten im Kaliningrader Gebiet statt, doch auch in der Ukraine vermehren sie sich zusehends. So fand in Iwano-Frankiwsk ein erster

Ausbildungskurs für Psychologen und Pädagogen in der von Hans-Wolff Graf entwickelten Individuellen Transsystemischen Psychologie (ITP – hierzu ein Artikel auf Seite 36 des Anthropos-Reports 2018) statt. Sie könnten fragen, „Was hat das mit den Kindern dieser Welt zu tun?” „Sehr viel”, wäre unsere Antwort; denn wenn die Erwachsenen nicht Vorreiter und Vorbild für die nächsten Generationen werden, tradieren sie die alten Muster – pädagogisch, psychologisch, philosophisch –, unter denen so viele selber leiden, fleißig weiter und die Welt wird keine positiven Veränderungen erfahren. Die Idee einer solchen Ausbildung ist auch in Kaliningrad auf fruchtbaren Boden gefallen und erste Überlegungen zu einem derartigen Training auch in Rußland sind schon geboren. Das Interesse der ukrainischen Medien an unserer Arbeit ist sehr groß – zahlreiche Radio- und Fernsehsender luden Anastasiia Sydorenko und Hans-Wolff Graf  mehrmals zum Interview.

Die zahlreichen Rückmeldungen, die wir aus Kaliningrad, Kiew und Iwano-Frankiwsk zu den Seminaren, Vorträgen und Workshops mit HansWolff Graf bekommen, sind ausnahmslos positiv (lesen Sie diese ab Seite 15 und 21 des Anthropos-Reports 2018). Kein Wunder, immerhin stehen uns mit Inna Cherenkova-Sohns, Aleksandra Kaplina und (vor allem in der Ukraine) Anastasiia Sydorenko drei traumhafte Dolmetscherinnen zur Seite.

Doch auch in Deutschland bewegt sich wieder etwas: So hatten wir im Juni 2018 eine wunderbare Begegnung mit den Partnern des Vereins ‚Akademie der Kinder der Weltspielzeugstadt e.V.‘ in Sonneberg. Einen herzlichen Dank an Jürgen Prüfer, der den Kontakt zu Regina Trutzl (Leiterin der Akademie) herstellte und somit auch hierzulande einen Keim für neue Aktivitäten legte. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit (lesen Sie den Artikel hierzu auf Seite 32 des Anthropos-Reports 2018).

Auch die in München stattgefunden Internationalen Gesprächsrunden gingen in das dritte Jahr – vielen Dank an alle Beteiligten! Doch das Leben ist Veränderung, und nach 27 interessanten Veranstaltungen wird es vorerst eine Pause geben, um zu überlegen, ob, und wenn ja, in welcher Form eine solche sinnvoll weitergeführt werden kann.

In Berlin fndet von August bis Oktober 2018 der erste Schüleraustausch mit einem Schüler aus der Kiewer Schule Nr. 80 (Lew Fetman, Sie kennen ihn vielleicht schon aus dem Anthropos-Report 2016) statt. Unsere Mitglieder Leon, Maik und Paul mit ihren Eltern Simone und Joachim Haller freuen sich schon sehr auf sein Kommen. Einen Bericht hierüber und darüber, wie sich diese Schüleraustausche ausbauen lassen, werden Sie im nächsten Anthropos-Report lesen können.

Den kompletten Jahresbericht 2018 als PDF lesen Sie hier →

 

Impressionen aus dem Anthropos-Report 2018

Den kompletten Anthropos-Report 2018 können Sie hier als PDF (4,5 MB) herunterladen →

 

Zum Download der Reporte aus früheren Jahren geht es hier →

 

Druckfrisch – der Anthropos-Report 2018!

Berichte und Artikel, Geschichten und Rätsel für Groß und Klein

Im Report versteckt: Rätsel zur Sommerzeit, die sich Kinder aus einem Ulmer Kindergarten selber ausdachten und Eltern Schwierigkeiten hatten, sie zu lösten. Wer findet Sie? 😊

Anthropos-Report 2018

Inhaltsverzeichnis:

  • Editorial – die Projekte des Herzens
  • Liste unserer Helfer, Spender und Sponsoren
  • Jahresbericht des Anthropos e.V. von August 2017 bis Juli 2018
  • Neue Schritte im Sojus Anthropos Kaliningrad von Swetlana Dovzhenko
  • Seminarteilnehmer aus Kaliningrad – Feedback
  • Das fruchtbare Anthropos-Jahr in der Ukraine, Anastasiia Sydorenko
  • Rückmeldungen – Seminare und Ausbildung in der Ukraine
  • Die Kinder brauchen Anthropos – wir brauchen Sie
  • Gammy geht auf Reisen, Teil 2 der Geschichte für Kinder von Hans-Wolff Graf
  • Den Sonneberger Kindern liegt die Kreativität wohl “im Blut”, Nicola Trautner
  • Kindermund – Aus einem Kindergarten in Ulm, Inna Cherenkova-Sohns
  • ITP-Individuelle Transsystemische Psychologie, Hans-Wolff Graf
  • “Laß mich ich selber sein”, ein Gedicht von Anastasiia Sydorenko
  • Literaturwettbewerb “Mein Tschechow“, Elena Kotowa
  • Essay zum Thema “Tschechow – ein Traum oder Realität?“, Shdanow Gleb (14 J.)
  • Lwowskoje – Wir gehen weiter mutig vorwärts, Julia Gretsyschena
  • Osjorsk – Jeder Sommer ist ein kleines Leben, Oksana Gulakowa
  • Krasnolessje – Wieder ein partnerschaftliches ‘Zusammen’, Irina Kowardo
  • Psychologie des Schmerzes, Hans-Wolff Graf
  • “Warum versteckst Du Deine Tränen?”, ein Gedicht von Anastasiia Sydorenko
  • Schlußwort und Auflösung der Rätsel, die im Report versteckt sind
  • Die Flügel, ein Gedicht von Lina Kostenko
  • Warum Seesterne retten?

 

Zur Bestellung per E-Mail: info@anthropos-ev.de

Oder rufen Sie uns an: 089 / 416 007-26

Oder als PDF (4,5 MB) herunterladen →

Bericht aus Osjorsk 2016/2017 – Lächele und die Welt wird schöner

„Marathon der Freude 2016-2017“ – Aktivitäten für Kinder mit besonderen Bedürfnissen

Aktivitäten und Seminare in Kaliningrad 2016/2017 – Fragen-Lernen-Weitergeben

„Sich selbst und Anderen Fragen stellen – Lernen – Weitergeben“

Bericht aus Lwowskoje 2016/2017 – Lwowskoje grüßt Alle ganz herzlich

Seit September 2016 fanden verschiedene Veranstaltungen im Kulturhaus des Dorfes statt.

„Stier und Ziege“ – Märchen von Dascha Galiewa, (10 J.), Kaliningrad

Es waren einmal ein Stier und eine Ziege. Sie wohnten sehr friedlich zusammen in einem Wald…

Bericht aus Krasnolessje 2016/2017 – Unsere gemeinsamen Taten

Unsere gemeinsamen Taten in Krasnolessje

Im Sommer von Potsdam über Kaliningrad nach St. Petersburg

Phantastische Doku: Im Sommer nach St. Petersburg

Ein großer Teil der rbb-Doku berichtet über das Kaliningrader Gebiet. JÜRGEN LEISTE, Vorstand unseres Verein und Koordinator vor Ort in Kliningrad sowie Leiter des Anthropos-Umwelt- und Naturschutzzentrums in Gromowo, begleitet in dieser wunderbaren Doku das rbb-Team in Gromowo und Krasnolessje.
“Wer das Gebiet Kaliningrad kennenlerenen möchte hat in Jürgen Leiste den besten Fremdenführer, den ich mir vorstellen kann. Eine solche Reise mit unserem Koordinator ist auch für mich, die schon mehrmals mit ihm gefahren ist, jedes Mal ein einmaliges Erlebnis. Die liebevolle und aufmerksame Begleitung sowie die Vernetzung der Projekte durch Jürgen vor Ort mit ihm zu erleben und seinen fundierten Kenntnissen der Geschichte und zur Natur zu lauschen, sind unvergeßlich!
Jeder, der es einrichten kann, sollte sich eine solche Reise nicht entgehen lassen.” schreibt Nicola Trautner im Anthropos-Report 2016.

Zur Doku:

Teil 1

Kinder aus Krasnolessje im Robur

Kinder aus Krasnolessje dürfen im Robur Bus mitfahren

Teil 2

https://mediathek.rbb-online.de/tv/Dokumentation-und-Reportage/Im-Sommer-nach-St-Petersburg/rbb-Fernsehen/Video?bcastId=3822114&documentId=52076272

 

Weitere Fotos zu der wunderbaren Reise

 

Kinder aus Krasnolessje im Robur

Kinder aus Krasnolessje im Robur

 

Kinder aus Krasnolessje dürfen im Robur fahren

Einstieg in den Robur-Bus – Krasnolessje

 

Kinder vor dem Jugens- und Kulturzentrum Krasnolessje

Jugend- und Kulturzentrum Krasnolessje

 

Fahrradreparatur in Krasnolessje

Fahrradreparatur in Krasnolessje

 

Vorführung der Kinder in Krasnolessje

Vorführung der Kinder in Krasnolessje

 

Vorführung der Kinder in Krasnolessje2

Vorführung der Kinder in Krasnolessje

 

Auf Wiedersehen - Krasnolessje

Auf Wiedersehen – Krasnolessje

 

Robur Bus - Brücke Gromowo

Robur Bus – Brücke Gromowo

 

Fachkundige Begleitung durch Jürgen Leiste im Moor

Fachkundige Begleitung durch Jürgen Leiste im Moor

 

Moorlandschaft - Großes Moosbruch2

Moorlandschaft – Großes Moosbruch

 

Sonnenuntergang im Großen Moosbruch

Sonnenuntergang im Großen Moosbruch

 

 

 

Die Seelenkönigin von Hans-Wolff Graf auch als Hörbuch von Radio39

Die Seelenkönigin – Ein Hörbuch von Radio39

photo Seelenkönigin Radio39

Die Seelenkönigin von Hans-Wolff Graf als Hörbuch von Radio39

In diesem Hörbuch geht es darum, die eingefahrenen Gleise des Denkens, Fühlens und Handelns auf den Prüfstand zu stellen, kritisch zu hinterfragen und die Wichtigkeit und Werthaltigkeit dieser „Parameter unseres täglichen Lebens“ zu überdenken, um den Weg zur inneren Klarheit zu finden. Mit der neugewonnenen Sichtweise kann es gelingen, das Leben zu seiner Erfüllung zu bringen.

Hans-Wolff Graf hat diesen Text ursprünglich als Buch für seinen Sohn Christian geschrieben, als dieser noch ein Kind war – ein Leitfaden für dessen Lebensweg. Heute ist Christian erwachsen und selbst Vater einer kleinen Tochter. Er ist Audio-Techniker geworden, und in diesem von Radio 39 produzierten Hörbuch spricht er, gemeinsam mit Dagmar Dempe und Robert Amper, die Rolle des Chrissie.

Für Christian war es eine Begegnung mit seiner eigenen Kindheit und eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Elternschaft. Hören Sie die ersten Kapitel des Buches „Die Seelenkönigin“.

 

Logo Radio 39

Hören und lesen Sie weitere wertvolle Beiträge auf RADIO39

 

Das Buch:

Diese auf 500 Exemplare limitierte Auflage wurde von der ‚pAS – private Akademie für die Selbständigkeit GmbH‘ herausgegeben und kann für 10 € über diese bestellt werden. (info@private-akademie.com)

 

Die Seelenkönigin – Der Weg zur inneren Klarheit

Seelenkoenigin

Die Sonderausgabe 2016 info@private-akademie.com

Eigentlich erscheint uns der Tod eines uns wichtigen Menschen als schreckliches Ereignis; wir fühlen uns beraubt, verlassen und trauern. Dabei gibt es zum einen nur wenige derart natürliche Ereignisse in unserem Leben wie den Tod, zum anderen liegt es bei uns, ob wir uns „berauben“ lassen und „verlassen“ fühlen, oder aber den Wert, das Wesen, seine Bedeutung und unsere Liebe zu demjenigen bewahren, der nun physisch nicht mehr bei uns ist.

Chrissie, der Protagonist unseres „Märchens“, begleitet Yvy, die ‚Seelenkönigin‘, seine pädagogische Meisterin und Freundin, auf ihrem letzten Weg, um dann urplötzlich zu erkennen, wie omnipräsent sie nach wie vor in seinem DenkFühlen verblieben ist – für ihn spür-, erlebbar und als Ratgeber zur Verfügung stehend, wann immer er ihrer bedarf, nach ihr sucht, sie um Erklärungen und Hilfe bittet.

Zu Beginn bedienen sich beide, Chrissie und Yvy, einer haptischen Hilfe, um zu kommunizieren. Yvy spricht in Mustern und Analogien, Bildern und Parabeln zu ihm – ernst und humorvoll, zart und kraftvoll, gelassen und nachdrücklich, aber immer verständnisvoll, klug und weise. Und allmählich werden für Chrissie Zusammenhänge klarer; Unverständliches löst sich auf; Ängste verschwinden und machen freiheitlichem DenkFühlen Platz, geben ruhigem Erleben Raum.

Er gewärtigt den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit, öffnet seinen ‚Inneren Monolog‘ zwischen Verstand und Gefühl, Denken und Empfinden, kognitivem Erkennen und emotionalem Aufnehmen. Im gleichen Maße wächst sein Selbstvertrauen und die ruhige Überzeugung, sein Leben angstfrei, mutig und kraftvoll meistern zu können – vielleicht, um dereinst selbst zum begleitenden Meister für Andere heranzureifen……

Letztendlich bedarf es keines gegenständlichen Hilfsmittels mehr, dessen sich Chrissie bedienen müßte, um seine Yvy als lebenslange Begleiterin seines DenkFühlHandelns zu bewahren; der Spiegel wandert weiter – zu dem, der ihn benötigt.

 

 

 

 

 

„Lassen Sie Ihr Kind rechtzeitig los”

„Lassen Sie Ihr Kind rechtzeitig los, sonst kann es zu einem Desaster kommen!“

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Interview von Natalija Mostova (NM) (Magazin ‚MICTO №7‘, Ukraine, Mai 2017) mit Hans-Wolff Graf (HWG)

Erziehung ist keine Dressur: Eine überbordende ‚Liebe‘ der Eltern zu ihren Kindern kann beide Generationen verkrüppeln. Wo sollte man Grenzen setzen und wissen, wann man die eigenen Zöglinge loslassen sollte? Warum werden Kinder krank – sind das Folgen psychologischer Probleme im Umfeld von Vater und Mutter? Wie können Eltern als Partner kooperieren? Warum sind die ersten vier Jahre die prägendsten für das restliche Leben eines Menschen?

Über eine bewußte Elternschaft und „Rezepte“ zur Erziehung glücklicher Kinder erzählte der bekannte deutsche Psychologe, Pädagoge und Wirtschaftsberater Hans-Wolff Graf, der vor kurzem eine Reihe von Vorträgen und Trainings für Eltern, Lehrer, Erzieher und Jugendliche in Iwano-Frankiwsk und Werchowyna hielt [ein Vortrag/Workshop wurde sogar von Beamten gewünscht, Anm. d. Red.].

NM: Was sind die häufigsten Fehler von Eltern bei der Erziehung ihres Kindes?

HWG: In jedem von uns lebt ein kleines inneres Kind, das wir auch als Erwachsene unser ganzes Leben lang mit uns tragen. Leider inkarniert dieses Kind nicht nur positive Erinnerungen, sondern auch einen ganzen Blumenstrauß von unbewußten negativen Programmen, den sog. Bannbotschaften und den daraus resultierenden fiktiven Ängsten, die uns schon in der frühen Kindheit „geschenkt“ worden sind. 95% all unserer Ängste sind fiktiv, also nur in unserer Erwartung lebendig.

Diesen Angstmüll loszuwerden ist aus folgenden Gründen schwierig: Erstens saugten wir diese Überzeugungen und Weltanschauungen unbewußt auf, als wir noch Kleinkinder waren, unser kritisches Denken also noch gar nicht entwickelt war. Zweitens, fühlen wir uns schuldig, falls wir diese zerstörende Last versuchen loszuwerden, da das wie ein Verrat an den Eltern empfunden wird.

Somit kommt es dazu, daß wir alle unsere Bannbotschaften und Ängste unseren Kindern schon ab den ersten Tagen ihres Lebens anzuerziehen bzw. aufzudrängen versuchen. Dabei sind wir sicher, daß sie mit diesen Überzeugungen glücklicher werden, als wir es selber geschafft haben. Absoluter Unsinn!

Oft machen Eltern ihr Kind zu einem Teil von sich. Dies betrifft vor allem Mütter, denn Männer lassen leichter los. Häufig findet diese „Überbemutterung“ bzw. „Überbevaterung“ nicht mit der Mündigkeit des Kindes ihr Ende, sondern wird über das ganze Leben dieses Kindes gepflegt. Und das ist ein Desaster, denn es ist sehr wichtig, rechtzeitig loszulassen.

Sie werden es mir nicht glauben, aber viele meine Mandanten sind bis heute nicht in der Lage, ihre Mütter und Väter inklusive des ganzen Katalogs an Bahnbotschaften loszulassen, obwohl die Eltern vielleicht schon lange tot sind.

Eine 65-jährige Frau, zweifache Doktorin, hatte Angst, von ihrer Mutter beschimpft zu werden, obwohl diese schon lange verstorben war. Nach einer zweijährigen Therapie konnten wir diesen erdrückenden Prozeß beenden. Wir gingen zum Grab ihrer Mutter und verabschiedeten uns emotional. Meine Mandantin lebte danach noch acht Jahre und gestand mir vor ihrem Tod, daß diese die glücklichsten ihres Lebens waren.

NM: Warum ist es so wichtig, Kinder rechtzeitig loszulassen?

HWG: Da es unmenschlich ist, es nicht zu tun: Anstatt den kleinen Menschen zu einem innerlich freien und selbständigen Menschen werden zu lassen und ihm zu helfen und beizubringen, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, machen wir ihn zu unserem Besitz, den wir dann glauben, permanent vor der ganzen Welt „beschützen“ zu müssen. Und die Mutter ist dann auch noch stolz darauf, daß ihre erwachsenen Kinder sich immer noch an ihrem Rock festhalten. Eltern, wacht auf! Es ist doch widernatürlich und ungerecht! Man kann dem Kind das Angeln nicht beibringen, indem man an seiner Stelle fischt. Man sollte dem Kind besser eine Angel in die Hand geben und zeigen, wie man mit ihr zielgerichtet umgeht.

NM: Welches Alter ist am wichtigsten in der psychologischen Entwicklung des Kindes?

HWG: Erst mit ungefähr drei bis vier Jahren entdeckt das Kind zum ersten Mal sein eigenes „Ich“. Davor sagt die kleine Nadja, wenn sie über sich erzählen möchte nicht „Ich möchte“ sondern „Nadja möchte“. Denn dem Kind sind die Bedeutung, die Grenzen und der Inhalt des Begriffs „Ich“ noch nicht bewußt.

In den ersten vier Jahren sind die kognitiven Fähigkeiten noch nicht ausreichend entwickelt, um das kritische und abstrakte Denken zu gewährleisten. In diesem Zeitraum macht das Kind seinen Eltern alles nach und saugt wie ein Schwamm die Geschehnisse seiner Umwelt auf. Deshalb sind diese vier Jahre nicht nur sehr wichtig, sondern können – unter der Voraussetzung des verantwortungslosen Umgangs mit der Erziehung vonseiten der Eltern – gefährlich werden.

In dieser Zeit entscheidet sich, ob das Kind zu einem Feigling oder einer mutigen und offenen Persönlichkeit wird. Die Erfahrungen, die in den ersten vier Jahren eingeprägt werden, können zu einem Trauma für das zukünftige Leben werden. Es können, unter anderem, schmerzhafte Bannbotschaften sein, die das Kind ins Erwachsenleben mitschleppt. Denn fast alle Ängste, Komplexe und Bannbotschaften, die wir im Rucksack unseres Lebens tragen, wurden uns schon in der frühen Kindheit und meist von den Eltern eingeimpft.

Das bedeutet nicht, daß man einem Kind gleich nach der Geburt alles an Wissen, was es für das weitere Leben nötig haben könnte, in den Kopf reinstopfen muß. In dieser Zeit sollte das Kind lernen, daß es sich für alles interessieren, alles ausprobieren und vor allem fragen darf. Am wichtigsten ist dabei, dem Kind zu verstehen zu geben, daß neue Schritte zu wagen und Fehler zu machen nichts Schlimmes sind.

NM: Welches Bestrafungssystem für Kinder halten Sie für das effektivste?

HWG: Falls das Kind sich an die mit den Eltern getroffene Vereinbarung nicht gehalten hat, ist eine Bestrafung eine richtige Entscheidung. Nur darf sie nicht zu einer bösen Rache der Eltern werden, sonst verliert sie jeglichen pädagogischen Sinn. Und die Form der Bestrafung kann ruhig mit dem Kind ausdiskutiert werden – lassen Sie eine für sich aussuchen.

Ich praktizierte es immer wieder mit meinem Sohn Christian. Und Sie werden es nicht glauben, aber er suchte sich Strafen aus, die strenger waren als meine eigenen möglichen Vorschläge: Wenn das Kind von sich aus einen Vorschlag macht, spricht das für das Verständnis seiner Schuld. Dementsprechend wird der Effekt nicht lange auf sich warten lassen. Es lernt, seine Grenzen auszuloten und auch zu akzeptieren, aber auch Vereinbartes einzuhalten.

Es war aber auch wichtig, daß Christian für mich und meine Frau auch Strafen aussuchen durfte, wenn wir vor ihm schuldig waren. Einmal habe ich zum Beispiel vergessen, ihm Bescheid zu geben, daß ich ihn von seiner Nachmittagsaktivität nicht abholen und zur Geburtstagsparty seines besten Freundes bringen kann. Infolge dessen wurde eine zusätzliche Spielstunde am Samstagabend vereinbart.

Eltern und Kinder sollten Partner werden, dann werden Kinder zu freien Persönlichkeiten heranwachsen, die lernen, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Lebenskraft und Lebensfreude kann das Kind nur dann entwickeln, wenn es Selbstvertrauen spürt.

Eine kleine Ergänzung: Es ist wichtig, daß beide Elternteile in der Erziehung zusammenhalten und sich einig sind, sonst lernt das Kind, diese Widersprüchlichkeiten zum Eigenvorteil manipulativ einzusetzen.

NM: Zu welchen Konsequenzen können Handgreiflichkeiten als Bestrafungsmethode führen?

HWG: Ein Kind vergißt eine ungerechte Tat nie. Und solch eine ist die Handgreiflichkeit auf jeden Fall, denn Vater oder Mutter sind viel stärker als das Kind. Eltern, die physische Kraft einsetzen – auch wenn es sich nur um einen kaum spürbaren Klaps handelt – sind entweder zu dumm oder zu faul, eine intelligente, pädagogisch wertvollere Alternative zu suchen. Und ihre Kinder werden ihr Leben lang eine unterbewußte Aggression gegenüber dem Vater oder der Mutter, die sie geschlagen haben, spüren.

Mehr noch: Solche Kinder können in ihrem weiteren Leben unterbewußt entweder Menschen anziehen, die sie mißachten und niedermachen, oder Situationen, in denen sie sich ungerecht behandelt fühlen. Denn diese Beziehungsmodelle sind sie dann seit der frühesten Kindheit ‚gewohnt‘. Gewalt wird zu einem Beziehungsinhalt.

Übrigens, in solchen autoritären Familien sind berühmte Diktatoren aufgewachsen: Hitler, Stalin, Mao Zedong….

NM: Vor kurzem gab es in der Ukraine eine Welle von Kinderselbstmorden; hierzu führte die Teilnahme an einem in den sozialen Netzwerken popularisierten Todesspiel. Warum werden Kinder zum Opfer solcher Bewegungen?

HWG: Es handelt sich um ein Bedürfnis des Kindes, sich bemerkbar zu machen, dazuzugehören. So ein Kind hat weder eine Beziehung zu sich, noch zu seiner Umwelt. Um Aufmerksamkeit, Wärme, Zuwendung und Anerkennung zu bekommen, entscheidet sich das Kind bzw. der Jugendliche für solche Spiele. In der Regel mangelt es solchen Jugendlichen an Liebe. Und sie geraten unter den Einfluß derer, die ihnen die Möglichkeit bieten, endlich gesehen und gehört zu werden, auch wenn es sich dabei um völlig widernatürliche Inhalte handelt. Das ist eine Art von Hilfeschrei.

Als eine mildere Ausprägung dieses Phänomens können das Färben der Haare in Regenbogenfarben, ein Irokesenschnitt, Piercings über den ganzen Körper verteilt u.v.m. gesehen werden. Es handelt sich dabei um eine unterbewußte Botschaft an die Welt: „Auch wenn ich schrecklich aussehe, mich gibt es! Ich möchte endlich gesehen, wahrgenommen werden!

NM: Die Psychosomatik als wissenschaftliche Richtung behauptet, daß Krankheiten von Kindern eine Spiegelung psychologischer Probleme ihrer Eltern seien, zumindest bis ins Jugendalter hinein. Stimmen Sie mit dieser Theorie überein?

HWG: Keine Frage. Übrigens, betrifft dies auch die Erwachsenen. Jede Krankheit entsteht als Folge einer Schwächung des Immunsystems, wenn ein Mensch also nicht in der Lage ist, mit einem negativen psychischen Zustand oder mit seinen eigenen Emotionen klar zu kommen. Eine Krankheit ist eine Botschaft der Seele durch den Körper. Deshalb: Wenn Kinder krank werden, sollten Eltern sich auch mit sich selber und der Beziehung zueinander beschäftigen.

NM: Im Laufe der Woche hatten Sie einige Treffen mit Mitarbeitern von Bildungsinstitutionen: Leitern, Lehrern, Methodikern, usw. Was ist laut Ihrer Beobachtungen das Hauptproblem der Pädagogen?

HWG: An erster Stelle ein viel zu geringer Lohn – Lehrer sollten in einem Staat am meisten verdienen. Außerdem sollten sie sich nicht weiterhin als Lakaien des Systems sehen, sondern Pädagogen sein. Denn das Wort „Pädagoge“ kommt aus dem Ionischen und wird als „Wegbegleiter, Spielgefährte“ übersetzt…

Jeder Pädagoge ist ein Lehrer, aber nicht jeder Lehrer ist ein Pädagoge, der dem Kind hilft, sein Potential zu entfalten und seinen Interessen und Neigungen nachzugehen. Es ist wichtig zu verstehen, daß Kinder innerlich frei aufwachsen sollten. Zum Erfolg kann solche Arbeit jedoch nur dann werden, wenn parallel mit Kindern, Eltern und Pädagogen gearbeitet wird.

NM: Aber zukünftigen Lehrern wird ein solches Verständnis nicht an der Uni beigebracht…

HWG: Es ist auch nicht zu empfehlen, sich nur mit an der Uni beigebrachten Inhalten zufrieden zu geben; die Selbstbildung sollte nicht in Vergessenheit geraten. Falls ein Lehrer keine Berufung in sich spürt, sollte er aus dem Beruf aussteigen.

Lehrer und Erzieher als Informationsvermittler, wie wir sie heute kennen, werden in zwanzig Jahren nicht mehr gebraucht; denn jeder hat heute einen Zugang zu einer riesigen Datenmenge, einem so großen Wissen wie nie zuvor.

Aber ein Pädagoge wird immer und in jeder Gesellschaftsform gefragt sein, trotz des Ausbleibens der heutigen Form von Schule. Stattdessen wird es Schulen geben, die einen individuellen Zugang zu Wissen/Bildung in den Vordergrund treten lassen wird.

Wenn der Staat sich am alten System festzuklammern versucht und Bildung als ein Organ absoluter Kontrolle versteht, wird er damit scheitern. Wichtig ist eine Führung nach Kompetenz, Verständnis und Vorbild, keine Befehlszuweisung von „oben nach unten“.

NM: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Autorin: Natalija Mostova

Die Erstveröffentlichung dieses Interviews erfolgte im ukrainischen Magazin „MICTO №7“,  Ausgabe: Mai 2017

3Hans Wolff Graf 2 beim Interview

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